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Retro Fitting History. Computerreparatur als epistemologische Praxis

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Frühe Mikrocomputer der sogenannten 8- und 16-Bit-Ära (1975–1985) sind aus verschiedenen Gründen wichtige Objekte der Hardware- und Softwareehaltung: Die heutige Hard- und Softwareindustrie wurde auf diesen Maschinen aufgebaut (insbesondere Computerspiele und Bürosoftware), populäre Computermagazine, Bücher, Benutzergemeinschaften und die Privatisierung der Computertechnologie sind eng mit dieser Technologie verbunden. Die Be- wahrung findet nicht nur in professionellen Umgebungen (Museen, Archiven) statt, sondern auch im privaten Umfeld von Sammlern, Hobbyisten, Retro- Computer-Clubs und Reparatur-Cafés. Die Methoden und Werkzeuge, die von diesen Hobbyisten verwendet werden, unterscheiden sich erheblich von denen professioneller Praktiken – nicht nur wegen des (meist autodidaktisch erworbenen) Hintergrunds, sondern auch wegen der unterschiedlichen Zielsetzung: Hobbyisten reparieren alte Computer nicht nur, um sie wieder in Betrieb zu nehmen, sondern auch, um einen Einblick in ‚Teilbereiche‘ des technikhistorischen Wissens zu erhalten. Das Ergebnis solcher Reparaturprozesse sind also neue Informationen über (vermeintlich) bekannte Objekte. Dieses Wissen wird an andere Bastler weitergegeben, um es zu nutzen, zu überarbeiten und/oder zu erweitern. Im Jahr 2019 erhielt das Signallabor am Institut für Musik- und Medienwissenschaft (an der Berliner Humboldt-Universität) 15 defekte Mikrocomputersysteme, die für eine bevorstehende operative Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum im Jahr 2021 repariert werden sollten. Die Computer (aus der Sammlung des Center for Applied Statistics and Economics) reichten von selbstgebauten Einplatinen- und Heimcomputern aus der DDR über frühe Commodore-Heimcomputer aus den 1970er Jahren, CP/M- und MS-DOS-Systeme aus den 1980er Jahren bis hin zu UNIX-Workstations aus den frühen 1990er Jahren. Die Computer wurden von Studierenden des Studiengangs Medienwissenschaft mit Hilfe der Retro-Computing-Community (Berliner Vereine und Bastler, Internet-Diskussionsforen, Facebook usw.) repariert. Ihnen ist es gelungen, fast alle Computer zu reparieren und Software für die geplante Ausstellung darauf zu installieren. Unser Beitrag wird anhand konkreter Beispiele aus dem Reparaturprozess zeigen, wie die hobbymäßige Konservierung altes und neues Wissen aus Archiven und Communities nutzt, moderne Technologie in alte Hardware implementiert und unkonventionelle Werkzeuge, Materialien und Praktiken zur Reparatur einsetzt. Das aus diesem Prozess gewonnene Wissen wird als ‚Epistemologie der Bewahrung‘ diskutiert, die eine medienwissenschaftliche Theorie (und Kritik) der Computergeschichte unterstützt, in der die ‚historischen‘ Objekte gegenwärtig sein müssen, um vollständig als Medien verstanden zu werden.
Title: Retro Fitting History. Computerreparatur als epistemologische Praxis
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Frühe Mikrocomputer der sogenannten 8- und 16-Bit-Ära (1975–1985) sind aus verschiedenen Gründen wichtige Objekte der Hardware- und Softwareehaltung: Die heutige Hard- und Softwareindustrie wurde auf diesen Maschinen aufgebaut (insbesondere Computerspiele und Bürosoftware), populäre Computermagazine, Bücher, Benutzergemeinschaften und die Privatisierung der Computertechnologie sind eng mit dieser Technologie verbunden.
Die Be- wahrung findet nicht nur in professionellen Umgebungen (Museen, Archiven) statt, sondern auch im privaten Umfeld von Sammlern, Hobbyisten, Retro- Computer-Clubs und Reparatur-Cafés.
Die Methoden und Werkzeuge, die von diesen Hobbyisten verwendet werden, unterscheiden sich erheblich von denen professioneller Praktiken – nicht nur wegen des (meist autodidaktisch erworbenen) Hintergrunds, sondern auch wegen der unterschiedlichen Zielsetzung: Hobbyisten reparieren alte Computer nicht nur, um sie wieder in Betrieb zu nehmen, sondern auch, um einen Einblick in ‚Teilbereiche‘ des technikhistorischen Wissens zu erhalten.
Das Ergebnis solcher Reparaturprozesse sind also neue Informationen über (vermeintlich) bekannte Objekte.
Dieses Wissen wird an andere Bastler weitergegeben, um es zu nutzen, zu überarbeiten und/oder zu erweitern.
Im Jahr 2019 erhielt das Signallabor am Institut für Musik- und Medienwissenschaft (an der Berliner Humboldt-Universität) 15 defekte Mikrocomputersysteme, die für eine bevorstehende operative Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum im Jahr 2021 repariert werden sollten.
Die Computer (aus der Sammlung des Center for Applied Statistics and Economics) reichten von selbstgebauten Einplatinen- und Heimcomputern aus der DDR über frühe Commodore-Heimcomputer aus den 1970er Jahren, CP/M- und MS-DOS-Systeme aus den 1980er Jahren bis hin zu UNIX-Workstations aus den frühen 1990er Jahren.
Die Computer wurden von Studierenden des Studiengangs Medienwissenschaft mit Hilfe der Retro-Computing-Community (Berliner Vereine und Bastler, Internet-Diskussionsforen, Facebook usw.
) repariert.
Ihnen ist es gelungen, fast alle Computer zu reparieren und Software für die geplante Ausstellung darauf zu installieren.
Unser Beitrag wird anhand konkreter Beispiele aus dem Reparaturprozess zeigen, wie die hobbymäßige Konservierung altes und neues Wissen aus Archiven und Communities nutzt, moderne Technologie in alte Hardware implementiert und unkonventionelle Werkzeuge, Materialien und Praktiken zur Reparatur einsetzt.
Das aus diesem Prozess gewonnene Wissen wird als ‚Epistemologie der Bewahrung‘ diskutiert, die eine medienwissenschaftliche Theorie (und Kritik) der Computergeschichte unterstützt, in der die ‚historischen‘ Objekte gegenwärtig sein müssen, um vollständig als Medien verstanden zu werden.

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