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Heiligkeit und Weiblichkeit. Die Gekreuzigte aus dem Berliner Bode-Museum von ca. 1520 (sog. heilige Kümmernis)

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Schon zu frühchristlicher Zeit gab es christliche Märtyrer*innen, die durch ihr gottgefälliges Leben und Blutzeugnis zu glaubensstarken Idealtypen avancierten. Im Zuge ihrer imitatio Christi sticht besonders die Christusähnlichkeit bei den Heiligen heraus, die wie der Gottessohn am Kreuz gestorben sein sollen. Gemeinhin bekannt sind die biblischen Apostelheiligen Andreas und Petrus, die in Darstellungen ihres Kreuzmartyriums allerdings eine von Jesus Christus abweichende Körperhaltung aufweisen. Weniger Beachtung erfahren hingegen weibliche Gekreuzigte des 15. und 16. Jahrhunderts, die nicht nur mit ihrem Kreuzmartyrium in der Nachfolge Jesu Christi stehen, sondern sogar in ihren Darstellungen mit der Körperhaltung des Gottessohns übereinstimmen. Zu ihnen zählt eine Skulptur, die um 1520 aus Eichenholz gefertigt wurde und sich heute im Berliner Bode-Museum befindet. Ihr ist mit vielen Darstellungen gekreuzigter Märtyrerinnen ein fast unversehrter, makelloser Leib gemein, welcher ihren Triumph über den Tod und ihre himmlische Verklärung zum Ausdruck bringt. Zahlreiche spätmittelalterliche Legenden und Darstellungen gekreuzigter Märtyrerinnen wie der heiligen Kümmernis, Ontkommer und Wilgefortis treiben deren imitatio Christi gar so weit, dass diese bärtig wiedergegeben werden. Während die Merkmale einiger weiblicher Gekreuzigter demnach eine geschlechtliche Ambiguität aufweisen, charakterisieren die Berliner Gekreuzigte weiblich kodierte Zeitmode sowie seit dem Hochmittelalter ausgeprägte und bis heute geltende stereotype Merkmale weiblicher Schönheit. In diesem Zusammenhang verdeutlicht die Analyse der Berliner Skulptur, dass gekreuzigte Märtyrerinnen eigenständige Aspekte von Heiligkeit hervorbringen, die nicht anhand der Kreuzigung Jesu Christi zu erklären sind: Entgegen einiger Forschungsmeinungen lässt sich nicht halten, dass es sich bei weiblichen Gekreuzigten um missverstandene Darstellungen des Gottessohns handelt. Es ist zu betonen, dass gekreuzigte Märtyrerinnen vielmehr einen autonomen Kult und dezidiert weiblich kodierte Aspekte von Heiligkeit wie Mode, Jungfräulichkeit, Schönheit und die Brautschaft Jesu Christi besitzen. So ist es das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit, Aspekte von Heiligkeit und Weiblichkeit basierend auf der Gestaltung von Körper und Kostüm der Berliner Gekreuzigten zu erarbeiten. Dabei wird sie erstmals innerhalb der ikonografischen wie legendarischen Tradition gekreuzigter Märtyrerinnen kontextualisiert, in denen sich Jungfräulichkeit und Kreuzmartyrium auf spektakuläre Weise verschränken. Grundsätzlich ist hervorzuheben, dass die Analyse der Berliner Gekreuzigten mit einer Vielzahl an Undurchsichtigkeiten konfrontiert ist. Erstens steht in der bisherigen Forschungsliteratur eine detaillierte Untersuchung ihrer Identifizierung und Geschlechtlichkeit aus, worunter ebenfalls die Ausführung ihres Kostüms fällt. Hierbei zeigt sich im Vergleich mit realiter erhaltenen Kleidungs- und Schmuckstücken sowie deren zeitgenössischen Darstellungen in Gemälden und Skulpturen eindrücklich, dass Zeitmode aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts die Gestaltung der Berliner Skulptur beeinflusste. Zweitens weisen vorausgehende Untersuchungen blinde Flecken hinsichtlich der Provenienz und Zuschreibungsfrage der Figur auf, welchen die vorliegende Arbeit nachzugehen versucht. Dass die Berliner Gekreuzigte vermutlich nach Westfalen zu verorten ist und stilistisch dem Werkkreis des sog. Meisters von Osnabrück nahesteht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu sagen. Da drittens die Funktion der Berliner Figur als skulpturales Reliquiar und den daraus resultierenden kultischen Bedingungen in vorausgehenden Forschungsbeiträgen noch keine Beachtung erfuhren, wirft die vorliegende Untersuchung neue Blicke auf die Berliner Gekreuzigte und ihren Rezeptionskontext.
University Library J. C. Senckenberg
Title: Heiligkeit und Weiblichkeit. Die Gekreuzigte aus dem Berliner Bode-Museum von ca. 1520 (sog. heilige Kümmernis)
Description:
Schon zu frühchristlicher Zeit gab es christliche Märtyrer*innen, die durch ihr gottgefälliges Leben und Blutzeugnis zu glaubensstarken Idealtypen avancierten.
Im Zuge ihrer imitatio Christi sticht besonders die Christusähnlichkeit bei den Heiligen heraus, die wie der Gottessohn am Kreuz gestorben sein sollen.
Gemeinhin bekannt sind die biblischen Apostelheiligen Andreas und Petrus, die in Darstellungen ihres Kreuzmartyriums allerdings eine von Jesus Christus abweichende Körperhaltung aufweisen.
Weniger Beachtung erfahren hingegen weibliche Gekreuzigte des 15.
und 16.
Jahrhunderts, die nicht nur mit ihrem Kreuzmartyrium in der Nachfolge Jesu Christi stehen, sondern sogar in ihren Darstellungen mit der Körperhaltung des Gottessohns übereinstimmen.
Zu ihnen zählt eine Skulptur, die um 1520 aus Eichenholz gefertigt wurde und sich heute im Berliner Bode-Museum befindet.
Ihr ist mit vielen Darstellungen gekreuzigter Märtyrerinnen ein fast unversehrter, makelloser Leib gemein, welcher ihren Triumph über den Tod und ihre himmlische Verklärung zum Ausdruck bringt.
Zahlreiche spätmittelalterliche Legenden und Darstellungen gekreuzigter Märtyrerinnen wie der heiligen Kümmernis, Ontkommer und Wilgefortis treiben deren imitatio Christi gar so weit, dass diese bärtig wiedergegeben werden.
Während die Merkmale einiger weiblicher Gekreuzigter demnach eine geschlechtliche Ambiguität aufweisen, charakterisieren die Berliner Gekreuzigte weiblich kodierte Zeitmode sowie seit dem Hochmittelalter ausgeprägte und bis heute geltende stereotype Merkmale weiblicher Schönheit.
In diesem Zusammenhang verdeutlicht die Analyse der Berliner Skulptur, dass gekreuzigte Märtyrerinnen eigenständige Aspekte von Heiligkeit hervorbringen, die nicht anhand der Kreuzigung Jesu Christi zu erklären sind: Entgegen einiger Forschungsmeinungen lässt sich nicht halten, dass es sich bei weiblichen Gekreuzigten um missverstandene Darstellungen des Gottessohns handelt.
Es ist zu betonen, dass gekreuzigte Märtyrerinnen vielmehr einen autonomen Kult und dezidiert weiblich kodierte Aspekte von Heiligkeit wie Mode, Jungfräulichkeit, Schönheit und die Brautschaft Jesu Christi besitzen.
So ist es das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit, Aspekte von Heiligkeit und Weiblichkeit basierend auf der Gestaltung von Körper und Kostüm der Berliner Gekreuzigten zu erarbeiten.
Dabei wird sie erstmals innerhalb der ikonografischen wie legendarischen Tradition gekreuzigter Märtyrerinnen kontextualisiert, in denen sich Jungfräulichkeit und Kreuzmartyrium auf spektakuläre Weise verschränken.
Grundsätzlich ist hervorzuheben, dass die Analyse der Berliner Gekreuzigten mit einer Vielzahl an Undurchsichtigkeiten konfrontiert ist.
Erstens steht in der bisherigen Forschungsliteratur eine detaillierte Untersuchung ihrer Identifizierung und Geschlechtlichkeit aus, worunter ebenfalls die Ausführung ihres Kostüms fällt.
Hierbei zeigt sich im Vergleich mit realiter erhaltenen Kleidungs- und Schmuckstücken sowie deren zeitgenössischen Darstellungen in Gemälden und Skulpturen eindrücklich, dass Zeitmode aus dem ersten Drittel des 16.
Jahrhunderts die Gestaltung der Berliner Skulptur beeinflusste.
Zweitens weisen vorausgehende Untersuchungen blinde Flecken hinsichtlich der Provenienz und Zuschreibungsfrage der Figur auf, welchen die vorliegende Arbeit nachzugehen versucht.
Dass die Berliner Gekreuzigte vermutlich nach Westfalen zu verorten ist und stilistisch dem Werkkreis des sog.
Meisters von Osnabrück nahesteht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu sagen.
Da drittens die Funktion der Berliner Figur als skulpturales Reliquiar und den daraus resultierenden kultischen Bedingungen in vorausgehenden Forschungsbeiträgen noch keine Beachtung erfuhren, wirft die vorliegende Untersuchung neue Blicke auf die Berliner Gekreuzigte und ihren Rezeptionskontext.

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