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Drei-Affen-Theater

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Vielleicht liegt es an der Dichte der Theaterwände, die für Schallschutz sorgt. Dass Ereignisse von außen nicht hereindringen. Dass weder die Menschen darin noch die Institutionen als solche erreicht werden. Dass das zarte Zischen einer Kerze, zertreten von einem Stiefel, nicht gehört wird. (Aber natürlich nicht; zu weit weg, zu klein, zu schnell). Auch nicht das Husten von den Autoabgasen der Dutzende Polizei wagen, als ganze Nachbarschaften und bestimmte Stadtteile zu sogenannten kbOs erklärt werden. Nicht das Auflegen des Telefons, das Zuschlagen von Türen, die leise Landung von Emails in Posteingängen – Töne der endenden Kooperationen, die Absagen von Auftragsarbeiten, der Rückzug von Preisen, von Einladungen, der Verlust von Einkünften. Weder die willkürlichen Entscheidungen von Stadtverwaltungen, mit denen jahrhundertealte Symbole sowie Menschen und Gemeinschaften kriminalisiert werden. Noch das Erschrecken der Schüler:innen, als sie Gewalt von ihren Lehrer:innen erfahren. Kaum das Entsetzen der freischaffenden Künstler:innen über den Versuch, die künstlerische Freiheit anzugreifen, wenn die Finanzierung des Kultursektors von politischen Ansichten abhängig gemacht wird. Das schleimige Platschen von Spucke auf Haut ignoriert, wenn Teilnehmer:innen der «Großdemo-für- Demokratie!» Demonstrant:innen ausschließen, die sie für «Andere» halten. Die schrillen Schlagzeilen, die grundlose Diffamierung von Menschen und Hetze gegen Gemeinschaften verbreiten, überlesen. Auch das Summen der Druckmaschinen, die diskriminierendes Bildungsmaterial für Schulen in der Stadt erstellen. Nicht das Abknicken von Zeltstangen, als die Bundestagswiese von Polizisten übernommen wird, um ein friedliches Protestcamp zu räumen. Nicht das Scheppern von Schließgittern, als in - nerhalb einer Woche zwei Mädchenzentren aus einem unbegründeten Verdachtsmoment heraus geschlossen werden. Nicht das Zerbersten der Tür, als die Polizei einen angemeldeten Kongress stürmt. Wie bleibt das Geschrei tausender Menschen monatelang ungehört? Die Türklingeln um 6 Uhr morgens, als die Polizei zu Hause eintrifft, um Anmelder:innen von friedlichen Demonstrationen zu verwarnen. Das Piepen der Passkontrollmaschine am Flughafen, die einen Aktivisten zusätzlichen Sicherheitskontrollen unterzieht. Das Abheben der Flugzeuge, die Menschen in Kriegsgebiete abschieben. Das Geklapper von Eisenketten an Universitätstüren, als die Wiedereinführung eines Gesetzes, das politisch motivierte Exmatrikulationen erlaubt, im Raum schwebt. Das Tippen von Kürzungsdrohungen bei Fördergeldern für kritische Forscher:innen. Ist der Klang des Endes der Menschenrechte tatsächlich der des Tippens? Nicht der Schlag des Körpers gegen die Wand bei einer gewalttätigen Festnahme. Nicht das Rutschen einer Kippa, wenn sie bei einer Einschüchterungsverhaftung vom Kopf rutscht. Nicht das Klirren von Handschellen an den Handgelenken eines Sechsjährigen. Nicht der Schrei einer Frau, die an den Haaren gezogen und deren Körper durchsucht wird, als sie von der Polizei auf den Asphalt geknallt wird. Nicht die röchelnden Atemzüge eines 15-Jährigen, dessen Mund und Nase von einem Eisenhandschuh eines Polizisten erstickt wird. Nicht die Sirenen der Krankenwagen, die verletzte Demonstrant:innen in die Notaufnahme sausen. Und natürlich nicht die Zermalmung der Trümmer durch Panzer in einem anderen Land, die von deutschen Steuergeldern bezahlt werden. Nicht einmal die Stille wird wahrgenommen. Die Stille der fehlenden Meldungen, der abwesenden Menschen – Betroffene wie auch Expert:innen –, die aus den Zeitungen, aus dem Fernsehen, von den Bühnen, ferngehalten und zensiert werden. All das dringt nicht durch. Überwindet nicht die Strecke zwischen der Straße und dem Theatersaal; die Distanz zwischen der Realität und der unterhaltsamen Fiktion. Ja, es muss die Dichte der Wände sein. Sonst könnte man ahnen, dass die drei Affen absichtlich zum Vorbild gemacht wurden: Augen zu. Ohren zu. Schweigen.
Title: Drei-Affen-Theater
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Vielleicht liegt es an der Dichte der Theaterwände, die für Schallschutz sorgt.
Dass Ereignisse von außen nicht hereindringen.
Dass weder die Menschen darin noch die Institutionen als solche erreicht werden.
Dass das zarte Zischen einer Kerze, zertreten von einem Stiefel, nicht gehört wird.
(Aber natürlich nicht; zu weit weg, zu klein, zu schnell).
Auch nicht das Husten von den Autoabgasen der Dutzende Polizei wagen, als ganze Nachbarschaften und bestimmte Stadtteile zu sogenannten kbOs erklärt werden.
Nicht das Auflegen des Telefons, das Zuschlagen von Türen, die leise Landung von Emails in Posteingängen – Töne der endenden Kooperationen, die Absagen von Auftragsarbeiten, der Rückzug von Preisen, von Einladungen, der Verlust von Einkünften.
Weder die willkürlichen Entscheidungen von Stadtverwaltungen, mit denen jahrhundertealte Symbole sowie Menschen und Gemeinschaften kriminalisiert werden.
Noch das Erschrecken der Schüler:innen, als sie Gewalt von ihren Lehrer:innen erfahren.
Kaum das Entsetzen der freischaffenden Künstler:innen über den Versuch, die künstlerische Freiheit anzugreifen, wenn die Finanzierung des Kultursektors von politischen Ansichten abhängig gemacht wird.
Das schleimige Platschen von Spucke auf Haut ignoriert, wenn Teilnehmer:innen der «Großdemo-für- Demokratie!» Demonstrant:innen ausschließen, die sie für «Andere» halten.
Die schrillen Schlagzeilen, die grundlose Diffamierung von Menschen und Hetze gegen Gemeinschaften verbreiten, überlesen.
Auch das Summen der Druckmaschinen, die diskriminierendes Bildungsmaterial für Schulen in der Stadt erstellen.
Nicht das Abknicken von Zeltstangen, als die Bundestagswiese von Polizisten übernommen wird, um ein friedliches Protestcamp zu räumen.
Nicht das Scheppern von Schließgittern, als in - nerhalb einer Woche zwei Mädchenzentren aus einem unbegründeten Verdachtsmoment heraus geschlossen werden.
Nicht das Zerbersten der Tür, als die Polizei einen angemeldeten Kongress stürmt.
Wie bleibt das Geschrei tausender Menschen monatelang ungehört? Die Türklingeln um 6 Uhr morgens, als die Polizei zu Hause eintrifft, um Anmelder:innen von friedlichen Demonstrationen zu verwarnen.
Das Piepen der Passkontrollmaschine am Flughafen, die einen Aktivisten zusätzlichen Sicherheitskontrollen unterzieht.
Das Abheben der Flugzeuge, die Menschen in Kriegsgebiete abschieben.
Das Geklapper von Eisenketten an Universitätstüren, als die Wiedereinführung eines Gesetzes, das politisch motivierte Exmatrikulationen erlaubt, im Raum schwebt.
Das Tippen von Kürzungsdrohungen bei Fördergeldern für kritische Forscher:innen.
Ist der Klang des Endes der Menschenrechte tatsächlich der des Tippens? Nicht der Schlag des Körpers gegen die Wand bei einer gewalttätigen Festnahme.
Nicht das Rutschen einer Kippa, wenn sie bei einer Einschüchterungsverhaftung vom Kopf rutscht.
Nicht das Klirren von Handschellen an den Handgelenken eines Sechsjährigen.
Nicht der Schrei einer Frau, die an den Haaren gezogen und deren Körper durchsucht wird, als sie von der Polizei auf den Asphalt geknallt wird.
Nicht die röchelnden Atemzüge eines 15-Jährigen, dessen Mund und Nase von einem Eisenhandschuh eines Polizisten erstickt wird.
Nicht die Sirenen der Krankenwagen, die verletzte Demonstrant:innen in die Notaufnahme sausen.
Und natürlich nicht die Zermalmung der Trümmer durch Panzer in einem anderen Land, die von deutschen Steuergeldern bezahlt werden.
Nicht einmal die Stille wird wahrgenommen.
Die Stille der fehlenden Meldungen, der abwesenden Menschen – Betroffene wie auch Expert:innen –, die aus den Zeitungen, aus dem Fernsehen, von den Bühnen, ferngehalten und zensiert werden.
All das dringt nicht durch.
Überwindet nicht die Strecke zwischen der Straße und dem Theatersaal; die Distanz zwischen der Realität und der unterhaltsamen Fiktion.
Ja, es muss die Dichte der Wände sein.
Sonst könnte man ahnen, dass die drei Affen absichtlich zum Vorbild gemacht wurden: Augen zu.
Ohren zu.
Schweigen.

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