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Kinder und Jugendliche im Unmarked Space der Leitmedien?
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Precht, Richard David/ Welzer, Harald (2022). Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. Frankfurt a. M.: S. Fischer. 288 S., 22,00 €.
Mit ihrer Veröffentlichung legen Richard David Precht und Harald Welzer ein populärwissenschaftliches Buch zur Bedeutung der Massenmedien für das politische Geschehen und die öffentliche Meinungsbildung in Deutschland vor. Damit wenden sie sich wichtigen kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen zu, welche die digitale Transformation der Leitmedien und ihre Funktion in der Demokratie betreffen. Die zwölf Kapitel bilden eine Dramaturgie von der Problembeschreibung über dessen Analyse bis hin zu Lösungsansätzen. Argumentativ beziehen sich Precht und Welzer auf Studien, Begriffe und Theorien der Kommunikationswissenschaft, Sozialwissenschaft und Sozialpsychologie. Die Verknüpfung dieser Quellen mit den Beobachtungen und Erfahrungen der Autoren sowie die Zuspitzung von Argumenten verweisen auf die Textform des Essays. Precht und Welzer eröffnen das Buch mit einer persönlichen Note: der Schilderung des medialen Theaters rund um den Offenen Brief an Olaf Scholz zum Krieg in der Ukraine, den die Autoren mitgezeichnet haben. Danach gehen sie analytischer vor. Sie arbeiten pointiert heraus, dass die Repräsentation von vielfältigen Meinungen konstitutiv für den öffentlichen Diskurs in einer liberalen Demokratie ist. Anhand der Berichterstattung über gesellschaftlich wichtige Themen problematisieren die Autoren eine wachsende Differenz zwischen der Meinungsvielfalt in der deutschen Gesellschaft und der veröffentlichten Meinung der Leitmedien. Sie konstatieren, dass die Leitmedien immer seltener die Meinungsvielfalt zu gesellschaftlich wichtigen Themen abbilden. Als ‚Unmarked Space‘ bezeichnen sie die wachsende Repräsentationslücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
Precht und Welzer beobachten, dass sich die Leitmedien zu politischen Akteuren entwickeln. Diese ‚amtierenden Medien‘ kolonialisieren das politische System, nehmen Einfluss auf die politische Willensbildung und nutzen die veröffentlichte Meinung als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen. Das gelingt, weil sie sich in ihrer Berichterstattung in Krisenzeiten, die durch Unsicherheit und Ungewissheit gekennzeichnet sind, aneinander orientieren. In diesem ‚Cursor-Journalismus‘ konstruieren die amtierenden Medien eine Phantomwirklichkeit jenseits der Öffentlichen Meinung, die durch Aufregerthemen und einen polarisierten Diskurs bestimmt ist. ‚Direktmedien‘ wie Twitter spielen dabei eine zentrale Rolle. Hier sind Politik und Journalismus miteinander vernetzt, der Cursor wird von den amtierenden Medien gesetzt und die personalisierte Kommunikation führt zur Ent-sachlichung von Diskursen.
Die Thesen von Precht und Welzer sind nicht neu und halten einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum stand. Es gelingt ihnen nicht, die vielfältige Landschaft der Bürger*innen- und Alternativmedien in den Blick zu nehmen, die in Form von Podcasts, YouTube-Videos und Blogs für viele Menschen alternative Deutungsangebote bereitstellen. Dennoch stellen die Autoren wichtige Fragen und bearbeiten diese populärwissenschaftlich. Die mediale Aufmerksamkeit, die das Buch im Spätsommer 2022 erlangte, hat kaum dazu beigetragen, dass diese wichtigen Fragen kritisch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wurden. Vielmehr standen die Akteur*innen der Leitmedien, der Politik und die Autoren selbst im Fokus. Dennoch: Precht und Welzer tragen eine Vielzahl von Beobachtungen zusammen, die durchaus geeignet sind, die Funktion der Leitmedien für den öffentlichen Diskurs zu problematisieren. Es ist jedoch nötig, sich – ganz im Sinne von Habermas – vernünftig mit ihren Thesen auseinander zu setzen.
Für die Medienpädagogik ergeben sich drei Anknüpfungspunkte. Erstens stellen Precht und Welzer Fragen, die das Verhältnis von Medien und Öffentlichkeit sowie politische Partizipation in der Demokratie betreffen. Diese Fragen tangieren den Kernbereich der Medienpädagogik: das gute Aufwachsen mit Medien und Medienkompetenz als Voraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe. Daher sollte sich die Medienpädagogik intensiv mit solchen populärwissenschaftlichen Thesen auseinandersetzen und sich in das mediale Theater einbringen. Zweitens kann die Medienpädagogik auf der Ebene der Förderung eines kritisch-reflexiven Umgangs mit Medien ansetzen. Die Beobachtungen, die die Autoren machen, laden dazu ein, mit Kindern und Jugendlichen das Mediensystem zu analysieren und dessen Funktion zu reflektieren. Drittens sollte die Medienpädagogik die Repräsentation von Problemlagen und Meinungen junger Menschen in den Leitmedien stärker in den Blick nehmen. In den vielen Krisen der Gegenwart befinden sich junge Menschen und ihre riskanten Lebenslagen tatsächlich im Unmarked Space der Leit-medien. Kinder und Jugendliche müssen dort sichtbar sein, damit sie im öffentlichen Diskurs und in der Politik wahrgenommen werden.
Title: Kinder und Jugendliche im Unmarked Space der Leitmedien?
Description:
Precht, Richard David/ Welzer, Harald (2022).
Die vierte Gewalt.
Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist.
Frankfurt a.
M.
: S.
Fischer.
288 S.
, 22,00 €.
Mit ihrer Veröffentlichung legen Richard David Precht und Harald Welzer ein populärwissenschaftliches Buch zur Bedeutung der Massenmedien für das politische Geschehen und die öffentliche Meinungsbildung in Deutschland vor.
Damit wenden sie sich wichtigen kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen zu, welche die digitale Transformation der Leitmedien und ihre Funktion in der Demokratie betreffen.
Die zwölf Kapitel bilden eine Dramaturgie von der Problembeschreibung über dessen Analyse bis hin zu Lösungsansätzen.
Argumentativ beziehen sich Precht und Welzer auf Studien, Begriffe und Theorien der Kommunikationswissenschaft, Sozialwissenschaft und Sozialpsychologie.
Die Verknüpfung dieser Quellen mit den Beobachtungen und Erfahrungen der Autoren sowie die Zuspitzung von Argumenten verweisen auf die Textform des Essays.
Precht und Welzer eröffnen das Buch mit einer persönlichen Note: der Schilderung des medialen Theaters rund um den Offenen Brief an Olaf Scholz zum Krieg in der Ukraine, den die Autoren mitgezeichnet haben.
Danach gehen sie analytischer vor.
Sie arbeiten pointiert heraus, dass die Repräsentation von vielfältigen Meinungen konstitutiv für den öffentlichen Diskurs in einer liberalen Demokratie ist.
Anhand der Berichterstattung über gesellschaftlich wichtige Themen problematisieren die Autoren eine wachsende Differenz zwischen der Meinungsvielfalt in der deutschen Gesellschaft und der veröffentlichten Meinung der Leitmedien.
Sie konstatieren, dass die Leitmedien immer seltener die Meinungsvielfalt zu gesellschaftlich wichtigen Themen abbilden.
Als ‚Unmarked Space‘ bezeichnen sie die wachsende Repräsentationslücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
Precht und Welzer beobachten, dass sich die Leitmedien zu politischen Akteuren entwickeln.
Diese ‚amtierenden Medien‘ kolonialisieren das politische System, nehmen Einfluss auf die politische Willensbildung und nutzen die veröffentlichte Meinung als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen.
Das gelingt, weil sie sich in ihrer Berichterstattung in Krisenzeiten, die durch Unsicherheit und Ungewissheit gekennzeichnet sind, aneinander orientieren.
In diesem ‚Cursor-Journalismus‘ konstruieren die amtierenden Medien eine Phantomwirklichkeit jenseits der Öffentlichen Meinung, die durch Aufregerthemen und einen polarisierten Diskurs bestimmt ist.
‚Direktmedien‘ wie Twitter spielen dabei eine zentrale Rolle.
Hier sind Politik und Journalismus miteinander vernetzt, der Cursor wird von den amtierenden Medien gesetzt und die personalisierte Kommunikation führt zur Ent-sachlichung von Diskursen.
Die Thesen von Precht und Welzer sind nicht neu und halten einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum stand.
Es gelingt ihnen nicht, die vielfältige Landschaft der Bürger*innen- und Alternativmedien in den Blick zu nehmen, die in Form von Podcasts, YouTube-Videos und Blogs für viele Menschen alternative Deutungsangebote bereitstellen.
Dennoch stellen die Autoren wichtige Fragen und bearbeiten diese populärwissenschaftlich.
Die mediale Aufmerksamkeit, die das Buch im Spätsommer 2022 erlangte, hat kaum dazu beigetragen, dass diese wichtigen Fragen kritisch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wurden.
Vielmehr standen die Akteur*innen der Leitmedien, der Politik und die Autoren selbst im Fokus.
Dennoch: Precht und Welzer tragen eine Vielzahl von Beobachtungen zusammen, die durchaus geeignet sind, die Funktion der Leitmedien für den öffentlichen Diskurs zu problematisieren.
Es ist jedoch nötig, sich – ganz im Sinne von Habermas – vernünftig mit ihren Thesen auseinander zu setzen.
Für die Medienpädagogik ergeben sich drei Anknüpfungspunkte.
Erstens stellen Precht und Welzer Fragen, die das Verhältnis von Medien und Öffentlichkeit sowie politische Partizipation in der Demokratie betreffen.
Diese Fragen tangieren den Kernbereich der Medienpädagogik: das gute Aufwachsen mit Medien und Medienkompetenz als Voraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Daher sollte sich die Medienpädagogik intensiv mit solchen populärwissenschaftlichen Thesen auseinandersetzen und sich in das mediale Theater einbringen.
Zweitens kann die Medienpädagogik auf der Ebene der Förderung eines kritisch-reflexiven Umgangs mit Medien ansetzen.
Die Beobachtungen, die die Autoren machen, laden dazu ein, mit Kindern und Jugendlichen das Mediensystem zu analysieren und dessen Funktion zu reflektieren.
Drittens sollte die Medienpädagogik die Repräsentation von Problemlagen und Meinungen junger Menschen in den Leitmedien stärker in den Blick nehmen.
In den vielen Krisen der Gegenwart befinden sich junge Menschen und ihre riskanten Lebenslagen tatsächlich im Unmarked Space der Leit-medien.
Kinder und Jugendliche müssen dort sichtbar sein, damit sie im öffentlichen Diskurs und in der Politik wahrgenommen werden.
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