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Medienkompetenz: Ein Plastikwort?
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Schulz, Nils Björn (2023): Kritik und Verantwortung. Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik. München: Claudius.
Die kritische Theorie hat die Medienpädagogik insbesondere in der machtkritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Massenmedien für die Herrschaftsordnung der Nachkriegszeit geprägt. Der zentrale Stellenwert der Medienkritik in diversen Medienkompetenzmodellen belegt die Bedeutung, die die ideologiekritischen Arbeiten der Frankfurter Schule für die Medienpädagogik haben. Es zeigt sich jedoch, dass die Disziplin und Profession der Medienpädagogik stets in einem ambivalenten Verhältnis zur kritischen Theorie standen. Ihr normativ-kulturpessimistischer Duktus und die Distanz zur pädagogischen Praxis stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zum Subjektzentrismus der Medienpädagogik.
Nils B. Schulz nimmt die Fäden der kritischen Theorie in seinem Essay ‚Kritik und Verantwortung: Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik‘ auf und entwickelt einen macht- und ideologiekritischen Blick auf die Digitalisierung des Bildungssystems. Um den digitalen Wandel zu untersuchen, wendet sich Schulz – selbst Lehrer an einem Gymnasium – im Essay der Medienkritik der Frankfurter Schule zu.
Im ersten von fünf Kapiteln stellt Schulz die Frage, welche Rolle Medien bei der Konstitution von Welt- und Selbstverhältnissen im Schulunterricht haben. Er geht von der Prämisse aus, „dass junge Menschen in schulischen Lernsituationen Sachthemen am besten von älteren Menschen lernen – und zwar in leiblicher Präsenz“ (S. 19). In dieser Konstellation wird der Unterrichtsgegenstand in einer resonanten Beziehung zwischen Lehrkräften, Heranwachsenden und dem Gegenstand bearbeitet. Gerade in der produktiven und kritischen Auseinandersetzung mit Autoritäten und durch die Nicht-Anpassung könnten sich Individualität und Verantwortung bei Schüler*innen entwickeln. Den Digital Turn sieht Schulz als Teil eines umfassenden kulturellen Wandels, in dem die Leiblichkeit des Unterrichts verschwindet.
In den weiteren Kapiteln analysiert Schulz die Sprache, (digitale) Unterrichtspraktiken und den technologischen Wandel im Schulsystem. Durchaus provokant vergleicht er im zweiten Kapitel den Sprachstil der Digitalisierungsstrategie der Kultusministerkonferenz mit einer KI-gestützten Phrasenmaschine. Sprachlich produziere diese eine sich „über dreißig Seiten erstreckende Verkettung von Plastikwörtern“ (S. 41), die sich wolkiger Begriffe wie Individualisierung, Kollaboration und Innovation bedient. Im dritten Kapitel konzentriert sich Schulz auf den neoliberalen Wandel des Bildungssystems, der wesentlich durch junge und karriereorientierte Lehrkräfte vorangetrieben wird. Schulz kritisiert hier, dass die Datafizierung von Lehr- und Lernprozessen eng mit einer Ökonomisierung des Bildungssystems zusammenhängt. Zum einen werden datenbasierte Monitoring- und Evaluationssysteme etabliert, wodurch Schüler*innen zu selbstverwalteten Profil-Subjekten degradiert werden, die in eine technisch-funktionale, bildschirmvermittelte Beziehung zur Welt gestellt werden. Zum anderen schafft die Digitalindustrie mit der Entwicklung und Verbreitung von Bildungstechnologien Fakten in der Schule.
Angesichts der Machtposition der digitalen Ökonomie in der Schule und im Bildungssystem, den verarmten digitalen Weltbeziehungen und den Risiken, die mit der Nutzung digitaler Technologien einhergehen, fordert Schulz im vierten Kapitel Medienmündigkeit ein. Nach Schulz bedeutet das, „das notwendige technische Wissen zu besitzen, digitale Medien achtsam, selbstbestimmt, bewusst in kritischer Distanz und zeitsouverän zu nutzen, was eben auch einschließt, sie nicht zu nutzen“ (S. 105). Im fünften Kapitel entwirft Schulz schließlich die Grundzüge einer neoexistenzialistischen Pädagogik, in der es im Wesentlichen darum geht, eine resonante Beziehung zwischen Lehrkraft und Lerngegenstand herzustellen, Bildung als Krisenerfahrungen ernst zu nehmen und die Eigensinnigkeit von Schüler*innen und Verantwortung von Lehrkräften zu stärken. Ein solcher Unterricht nimmt auch kritisch die digitalen Transformationsprozesse in der Gesellschaft in den Blick.
Schulz zeigt, dass digitale Technologien machtvolle Instrumente zur Durchsetzung einer politisch-ökonomischen Agenda in der Schule sind. Dem Autor Fortschrittsverweigerung zu unterstellen, wird seinem Essay jedoch nicht gerecht. Vielmehr wird deutlich, dass die Gestaltung der Welt- und Selbstverhältnisse im digitalen Unterricht einem politökonomischen Paradigma unterworfen werden. In der Schule verändern sich nicht nur die technologischen Bedingungen der Lehr- und Lernsettings und die Kompetenzanforderungen. Deshalb ist es Schulz hoch anzurechnen, dass es ihm aus dem Bildungssystem heraus gelingt, die Machtverhältnisse in der digitalen Gesellschaft kritisch zu analysieren. Insofern ist sein Essay als Plädoyer dafür zu lesen, die Schule als gestaltbaren Raum für (Medien-)Bildungsprozesse von der Digitalindustrie zurückzuerobern.
Schulz zeigt, dass im digitalen Wandel der Schule ausgerechnet die Medienkompetenz – eines der Kernkonzepte der Medienpädagogik – ausgehöhlt und zu einem Plastikwort der politisch-ökonomischen Bildungsagenda wird. Das liegt auch daran, dass sich der medienpädagogische Diskurs über lange Zeit kritisch gegen allzu normative Positionen gestellt hat. Bei der Rückeroberung der Schule kann auch die Medienpädagogik einen Beitrag leisten, indem sie die Verantwortung für Medienkritik nicht lediglich als Kompetenzanforderung an Heranwachsende delegiert. Mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule kann sie sich ähnlich ideologiekritisch der digitalen Kolonialisierung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zuwenden.
Title: Medienkompetenz: Ein Plastikwort?
Description:
Schulz, Nils Björn (2023): Kritik und Verantwortung.
Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik.
München: Claudius.
Die kritische Theorie hat die Medienpädagogik insbesondere in der machtkritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Massenmedien für die Herrschaftsordnung der Nachkriegszeit geprägt.
Der zentrale Stellenwert der Medienkritik in diversen Medienkompetenzmodellen belegt die Bedeutung, die die ideologiekritischen Arbeiten der Frankfurter Schule für die Medienpädagogik haben.
Es zeigt sich jedoch, dass die Disziplin und Profession der Medienpädagogik stets in einem ambivalenten Verhältnis zur kritischen Theorie standen.
Ihr normativ-kulturpessimistischer Duktus und die Distanz zur pädagogischen Praxis stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zum Subjektzentrismus der Medienpädagogik.
Nils B.
Schulz nimmt die Fäden der kritischen Theorie in seinem Essay ‚Kritik und Verantwortung: Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik‘ auf und entwickelt einen macht- und ideologiekritischen Blick auf die Digitalisierung des Bildungssystems.
Um den digitalen Wandel zu untersuchen, wendet sich Schulz – selbst Lehrer an einem Gymnasium – im Essay der Medienkritik der Frankfurter Schule zu.
Im ersten von fünf Kapiteln stellt Schulz die Frage, welche Rolle Medien bei der Konstitution von Welt- und Selbstverhältnissen im Schulunterricht haben.
Er geht von der Prämisse aus, „dass junge Menschen in schulischen Lernsituationen Sachthemen am besten von älteren Menschen lernen – und zwar in leiblicher Präsenz“ (S.
19).
In dieser Konstellation wird der Unterrichtsgegenstand in einer resonanten Beziehung zwischen Lehrkräften, Heranwachsenden und dem Gegenstand bearbeitet.
Gerade in der produktiven und kritischen Auseinandersetzung mit Autoritäten und durch die Nicht-Anpassung könnten sich Individualität und Verantwortung bei Schüler*innen entwickeln.
Den Digital Turn sieht Schulz als Teil eines umfassenden kulturellen Wandels, in dem die Leiblichkeit des Unterrichts verschwindet.
In den weiteren Kapiteln analysiert Schulz die Sprache, (digitale) Unterrichtspraktiken und den technologischen Wandel im Schulsystem.
Durchaus provokant vergleicht er im zweiten Kapitel den Sprachstil der Digitalisierungsstrategie der Kultusministerkonferenz mit einer KI-gestützten Phrasenmaschine.
Sprachlich produziere diese eine sich „über dreißig Seiten erstreckende Verkettung von Plastikwörtern“ (S.
41), die sich wolkiger Begriffe wie Individualisierung, Kollaboration und Innovation bedient.
Im dritten Kapitel konzentriert sich Schulz auf den neoliberalen Wandel des Bildungssystems, der wesentlich durch junge und karriereorientierte Lehrkräfte vorangetrieben wird.
Schulz kritisiert hier, dass die Datafizierung von Lehr- und Lernprozessen eng mit einer Ökonomisierung des Bildungssystems zusammenhängt.
Zum einen werden datenbasierte Monitoring- und Evaluationssysteme etabliert, wodurch Schüler*innen zu selbstverwalteten Profil-Subjekten degradiert werden, die in eine technisch-funktionale, bildschirmvermittelte Beziehung zur Welt gestellt werden.
Zum anderen schafft die Digitalindustrie mit der Entwicklung und Verbreitung von Bildungstechnologien Fakten in der Schule.
Angesichts der Machtposition der digitalen Ökonomie in der Schule und im Bildungssystem, den verarmten digitalen Weltbeziehungen und den Risiken, die mit der Nutzung digitaler Technologien einhergehen, fordert Schulz im vierten Kapitel Medienmündigkeit ein.
Nach Schulz bedeutet das, „das notwendige technische Wissen zu besitzen, digitale Medien achtsam, selbstbestimmt, bewusst in kritischer Distanz und zeitsouverän zu nutzen, was eben auch einschließt, sie nicht zu nutzen“ (S.
105).
Im fünften Kapitel entwirft Schulz schließlich die Grundzüge einer neoexistenzialistischen Pädagogik, in der es im Wesentlichen darum geht, eine resonante Beziehung zwischen Lehrkraft und Lerngegenstand herzustellen, Bildung als Krisenerfahrungen ernst zu nehmen und die Eigensinnigkeit von Schüler*innen und Verantwortung von Lehrkräften zu stärken.
Ein solcher Unterricht nimmt auch kritisch die digitalen Transformationsprozesse in der Gesellschaft in den Blick.
Schulz zeigt, dass digitale Technologien machtvolle Instrumente zur Durchsetzung einer politisch-ökonomischen Agenda in der Schule sind.
Dem Autor Fortschrittsverweigerung zu unterstellen, wird seinem Essay jedoch nicht gerecht.
Vielmehr wird deutlich, dass die Gestaltung der Welt- und Selbstverhältnisse im digitalen Unterricht einem politökonomischen Paradigma unterworfen werden.
In der Schule verändern sich nicht nur die technologischen Bedingungen der Lehr- und Lernsettings und die Kompetenzanforderungen.
Deshalb ist es Schulz hoch anzurechnen, dass es ihm aus dem Bildungssystem heraus gelingt, die Machtverhältnisse in der digitalen Gesellschaft kritisch zu analysieren.
Insofern ist sein Essay als Plädoyer dafür zu lesen, die Schule als gestaltbaren Raum für (Medien-)Bildungsprozesse von der Digitalindustrie zurückzuerobern.
Schulz zeigt, dass im digitalen Wandel der Schule ausgerechnet die Medienkompetenz – eines der Kernkonzepte der Medienpädagogik – ausgehöhlt und zu einem Plastikwort der politisch-ökonomischen Bildungsagenda wird.
Das liegt auch daran, dass sich der medienpädagogische Diskurs über lange Zeit kritisch gegen allzu normative Positionen gestellt hat.
Bei der Rückeroberung der Schule kann auch die Medienpädagogik einen Beitrag leisten, indem sie die Verantwortung für Medienkritik nicht lediglich als Kompetenzanforderung an Heranwachsende delegiert.
Mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule kann sie sich ähnlich ideologiekritisch der digitalen Kolonialisierung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zuwenden.
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