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Emilie Fontane – Lebensdokumente. : Spuren einer komplizierten Identität

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Abstract Als Rechtsanwalt Paul Meyer den Eheleuten Fontane im Februar 1892 das gemeinsame Testament zur Unterschrift vorlegte, hatte er hinter dem Namen von Emilie Fontane eine Lücke gelassen. Offenbar wusste er nicht, was für einen Geburtsnamen er eintragen sollte. Fontane griff zur Feder und setzte den Namen Kummer ein, den Emilie infolge ihrer Adoption trug. Beide Eheleute unterzeichneten wie gewöhnlich: ,,Emilie Fontane“, ,,Th. Fontane“. Die Unterschrift ist auf den 7. Februar 1892 datiert.1 Vier Woc hen später, am 7. März 1892, hinterlegten die Fontanes ihre letztwillige Verfügung auf dem Königlichen Amtsgericht I Berlin. Das an diesem Tag aufgesetzte Protokoll unterschrieben beide Eheleute mit vollem Namen: ,,Theodor Heinrich Fontane“, ,,Emilie Fontane, geb. Kummer“. Auch ihren Antrag auf Testaments-Eröffnung, den sie am 14. Oktober 1898 an das Gericht richtete, unterzeichnete die verwitwete Emilie Fontane mit dieser Formel. Aber stimmt das überhaupt, war sie wirklich eine ,geborene Kummer‘? In seiner in der zweiten Hälfte der 1890er, also wenige Jahre später, entstandenen Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig erklärte Fontane dagegen: ,,Ihr eigentlicher Name aber, den sie erst, früh verwaist, bei Gelegenheit ihrer im vierten oder fünften Jahre stattgehabten Adoption abgelegt hatte, war Rouanet“.2 Dabei lebte Emilies leibliche Mutter Therese Müller, geb. Rouanet, bis 1867, ihr leiblicher Vater George Bosse, den sie allerdings nie kennengelernt hat, bis 1865. In die Kirchenbücher der Französischen Gemeinde zu Berlin wurde sie seit ihrer Hochzeit im Jahr 1850 mit dem Doppelnamen ,geb. Rouanet-Kummer‘ eingetragen. Ihr Sohn Theodor Fontane jr. gab 1898 auf dem Standesamt ,Rouanet‘ als Geburtsnamen seiner Mutter an, ihr Sohn Friedrich Fontane 1902 ,Kummer‘. Der Name ,Müller‘ verschwand dagegen komplett aus der Familientradition, und der Name ihres leiblichen Vaters ,Bosse‘ findet sich nur in Emilies Taufeintrag vom 23. November 1824; er spielte nie wieder eine Rolle. Was lässt sich den amtlichen Lebensdokumenten von Emilie Fontane entnehmen? Wie sah sie sich selbst?
Peter Lang, International Academic Publishers
Title: Emilie Fontane – Lebensdokumente. : Spuren einer komplizierten Identität
Description:
Abstract Als Rechtsanwalt Paul Meyer den Eheleuten Fontane im Februar 1892 das gemeinsame Testament zur Unterschrift vorlegte, hatte er hinter dem Namen von Emilie Fontane eine Lücke gelassen.
Offenbar wusste er nicht, was für einen Geburtsnamen er eintragen sollte.
Fontane griff zur Feder und setzte den Namen Kummer ein, den Emilie infolge ihrer Adoption trug.
Beide Eheleute unterzeichneten wie gewöhnlich: ,,Emilie Fontane“, ,,Th.
Fontane“.
Die Unterschrift ist auf den 7.
Februar 1892 datiert.
1 Vier Woc hen später, am 7.
März 1892, hinterlegten die Fontanes ihre letztwillige Verfügung auf dem Königlichen Amtsgericht I Berlin.
Das an diesem Tag aufgesetzte Protokoll unterschrieben beide Eheleute mit vollem Namen: ,,Theodor Heinrich Fontane“, ,,Emilie Fontane, geb.
Kummer“.
Auch ihren Antrag auf Testaments-Eröffnung, den sie am 14.
Oktober 1898 an das Gericht richtete, unterzeichnete die verwitwete Emilie Fontane mit dieser Formel.
Aber stimmt das überhaupt, war sie wirklich eine ,geborene Kummer‘? In seiner in der zweiten Hälfte der 1890er, also wenige Jahre später, entstandenen Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig erklärte Fontane dagegen: ,,Ihr eigentlicher Name aber, den sie erst, früh verwaist, bei Gelegenheit ihrer im vierten oder fünften Jahre stattgehabten Adoption abgelegt hatte, war Rouanet“.
2 Dabei lebte Emilies leibliche Mutter Therese Müller, geb.
Rouanet, bis 1867, ihr leiblicher Vater George Bosse, den sie allerdings nie kennengelernt hat, bis 1865.
In die Kirchenbücher der Französischen Gemeinde zu Berlin wurde sie seit ihrer Hochzeit im Jahr 1850 mit dem Doppelnamen ,geb.
Rouanet-Kummer‘ eingetragen.
Ihr Sohn Theodor Fontane jr.
gab 1898 auf dem Standesamt ,Rouanet‘ als Geburtsnamen seiner Mutter an, ihr Sohn Friedrich Fontane 1902 ,Kummer‘.
Der Name ,Müller‘ verschwand dagegen komplett aus der Familientradition, und der Name ihres leiblichen Vaters ,Bosse‘ findet sich nur in Emilies Taufeintrag vom 23.
November 1824; er spielte nie wieder eine Rolle.
Was lässt sich den amtlichen Lebensdokumenten von Emilie Fontane entnehmen? Wie sah sie sich selbst?.

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