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Immunvermittelte Sinus- und Hirnvenenthrombosen: VITT und prä-VITT als Modellerkrankung
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ZusammenfassungIn diesem Übersichtsartikel beschreiben wir die klinischen und
paraklinischen Charakteristika der Vakzin-induzierten immunthrombotischen
Thrombozytopenie (VITT) und fassen den gegenwärtigen Kenntnisstand zur
Pathogenese zusammen. Bei der VITT bilden sich 5–20 Tage nach einer
Impfung mit einem Adenovirus-vektorbasiertem SARS-CoV-2-Vakzin (AstraZeneca oder
Johnson & Johnson) lebensbedrohliche Thrombosen aus, vor allem in den
zerebralen Sinus und Hirnvenen. Laborchemisch zeigt sich eine typische
Thrombozytopenie mit erhöhten D-Dimeren. Der Pathogenese liegen
immunologische Prozesse zugrunde, die Ähnlichkeiten mit der
Heparin-induzierten Thrombozytopenie aufweisen: so geht die VITT mit
hochtitrigem Immunoglobulin G gegen das thrombozytäre Protein
Plättchenfaktor 4 (PF4) einher. Durch die Interaktion mit dem Impfstoff
wird PF4 so verändert, dass es von Antikörper-produzierenden
Zellen des Immunsystems erkannt wird. Die so produzierten
Anti-PF4-Antikörper führen über thrombozytäre
FcγIIa-Rezeptoren zu einer Plättchenaktivierung. Der Nachweis
plättchenaktivierender Anti-PF4-Antikörper bestätigt die
Diagnose einer VITT. Antikoagulanzien, die die Bildung von Thrombin oder
Thrombin selbst blockieren und hochdosiertes i. v.-Immunglobulin G, das
die Fcγ-Rezeptor-vermittelte Zellaktivierung inhibiert, stellen die
wirksame und kausale Behandlung der VITT dar. Bei Patienten mit katastrophalem
Verlauf kann ein Plasmaaustausch versucht werden. Bei einigen Patienten ist ein
prä-VITT Syndrom als Prodromalstadium zu beoachten, das sich
typischerweise mit Kopfschmerzen manifestieren kann und dessen frühe
Behandlung hilft, thrombotische Komplikationen zu vermeiden. Die spezifische
Dynamik der VITT-assozierten Immunreaktion entspricht einer transienten,
sekundären Immunantwort. Aktuelle Studien gehen der Frage nach, wie PF4
an unterschiedliche adenovirale Proteine bindet und beleuchten die Rolle von
anderen Impfstoff-Bestandteilen als potentielle Liganden für die
PF4-Bindung. Einige dieser Faktoren sind auch an der Etablierung eines
proinflammatorischen Milieus („danger signal“) beteiligt, das
unmittelbar nach der Impfung die 1. Phase der VITT-Pathogenese triggert. Sobald
in der 2. Phase der VITT-Pathogenese hohe Titer von Anti-PF4-Antikörper
gebildet sind, aktivieren diese neben Thrombozyten auch Granulozyten. In einem
als NETose (von „neutrophil extracellular traps“) bezeichneten
Prozess setzen aktivierte Granulozyten dabei DNA frei, mit der PF4 weitere
Komplexe bildet, an die Anti-PF4-Antikörper binden. Dies
verstärkt die Fcγ-Rezeptor-vermittelte Zellaktivierung weiter
mit der Folge einer ausgeprägten Thrombin-Bildung. Zum Ende des Artikels
geben wir einen Ausblick, welchen Einfluss die bisherigen Erkenntnisse zur VITT
auf weitere globale Impfkampagnen gegen SARS-CoV-2 haben und beleuchten, wie
Anti-PF4-Antikörper jenseits von VITT und HIT auch eine Rolle bei
seltenen Erkrankungen spielen, die mit rezidivierenden venösen und
arteriellen Thrombosen einhergehen.
Georg Thieme Verlag KG
Title: Immunvermittelte Sinus- und Hirnvenenthrombosen: VITT und
prä-VITT als Modellerkrankung
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ZusammenfassungIn diesem Übersichtsartikel beschreiben wir die klinischen und
paraklinischen Charakteristika der Vakzin-induzierten immunthrombotischen
Thrombozytopenie (VITT) und fassen den gegenwärtigen Kenntnisstand zur
Pathogenese zusammen.
Bei der VITT bilden sich 5–20 Tage nach einer
Impfung mit einem Adenovirus-vektorbasiertem SARS-CoV-2-Vakzin (AstraZeneca oder
Johnson & Johnson) lebensbedrohliche Thrombosen aus, vor allem in den
zerebralen Sinus und Hirnvenen.
Laborchemisch zeigt sich eine typische
Thrombozytopenie mit erhöhten D-Dimeren.
Der Pathogenese liegen
immunologische Prozesse zugrunde, die Ähnlichkeiten mit der
Heparin-induzierten Thrombozytopenie aufweisen: so geht die VITT mit
hochtitrigem Immunoglobulin G gegen das thrombozytäre Protein
Plättchenfaktor 4 (PF4) einher.
Durch die Interaktion mit dem Impfstoff
wird PF4 so verändert, dass es von Antikörper-produzierenden
Zellen des Immunsystems erkannt wird.
Die so produzierten
Anti-PF4-Antikörper führen über thrombozytäre
FcγIIa-Rezeptoren zu einer Plättchenaktivierung.
Der Nachweis
plättchenaktivierender Anti-PF4-Antikörper bestätigt die
Diagnose einer VITT.
Antikoagulanzien, die die Bildung von Thrombin oder
Thrombin selbst blockieren und hochdosiertes i.
v.
-Immunglobulin G, das
die Fcγ-Rezeptor-vermittelte Zellaktivierung inhibiert, stellen die
wirksame und kausale Behandlung der VITT dar.
Bei Patienten mit katastrophalem
Verlauf kann ein Plasmaaustausch versucht werden.
Bei einigen Patienten ist ein
prä-VITT Syndrom als Prodromalstadium zu beoachten, das sich
typischerweise mit Kopfschmerzen manifestieren kann und dessen frühe
Behandlung hilft, thrombotische Komplikationen zu vermeiden.
Die spezifische
Dynamik der VITT-assozierten Immunreaktion entspricht einer transienten,
sekundären Immunantwort.
Aktuelle Studien gehen der Frage nach, wie PF4
an unterschiedliche adenovirale Proteine bindet und beleuchten die Rolle von
anderen Impfstoff-Bestandteilen als potentielle Liganden für die
PF4-Bindung.
Einige dieser Faktoren sind auch an der Etablierung eines
proinflammatorischen Milieus („danger signal“) beteiligt, das
unmittelbar nach der Impfung die 1.
Phase der VITT-Pathogenese triggert.
Sobald
in der 2.
Phase der VITT-Pathogenese hohe Titer von Anti-PF4-Antikörper
gebildet sind, aktivieren diese neben Thrombozyten auch Granulozyten.
In einem
als NETose (von „neutrophil extracellular traps“) bezeichneten
Prozess setzen aktivierte Granulozyten dabei DNA frei, mit der PF4 weitere
Komplexe bildet, an die Anti-PF4-Antikörper binden.
Dies
verstärkt die Fcγ-Rezeptor-vermittelte Zellaktivierung weiter
mit der Folge einer ausgeprägten Thrombin-Bildung.
Zum Ende des Artikels
geben wir einen Ausblick, welchen Einfluss die bisherigen Erkenntnisse zur VITT
auf weitere globale Impfkampagnen gegen SARS-CoV-2 haben und beleuchten, wie
Anti-PF4-Antikörper jenseits von VITT und HIT auch eine Rolle bei
seltenen Erkrankungen spielen, die mit rezidivierenden venösen und
arteriellen Thrombosen einhergehen.
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