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Selbsteinschätzungen sprachlicher Kompetenzen im Deutschen jugendlicher Flüchtlinge
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Gegenstand dieser Arbeit sind die Selbsteinschätzungen sprachlicher Kompetenzen im Deutschen jugendlicher Flüchtlinge. Im Fokus steht, wie genau die jugendlichen Flüchtlinge ihre sprachlichen Kompetenzen im Deutschen einschätzen und ob sich die Selbsteinschätzungen als Maß für die sprachlichen Kompetenzen im Deutschen eignen. Es werden Faktoren identifiziert, die Selbsteinschätzungen zusätzlich zu der tatsächlichen sprachlichen Kompetenz systematisch beeinflussen und es werden verschiedene Arten von Selbsteinschätzungsitems hin-sichtlich ihrer Eignung zur Erfassung der sprachlichen Kompetenzen im Deutschen verglichen. Betrachtet werden vier verschiedene Arten von Selbsteinschätzungsitems zum Verstehen und Sprechen der deutschen Sprache. Dazu gehören 1) allgemein formulierte Standard-Items, die eine fünfstufige Antwortskala vorgeben, 2) allgemein formulierte Schieberegler-Items, die einen zehnstufigen Endpunkt-gelabelten Schieberegler als Antwortskala vorgeben, 3) allgemein formulierte Vergleich-Items, die gleichaltrige Muttersprachlerinnen und Muttersprachler als Referenzgruppe vorgeben mit einer fünfstufigen Antwortskala und 4) spezifisch formulierte Can-Do-Statements, von denen diejenigen Anforderungen ausgewählt werden sollen, die die Teilnehmenden auf Deutsch können. Als Kriterium werden die Ergebnisse zweier Deutschkompetenztests, des Peabody-Picture-Vocabulary-Tests – 4. Ausgabe (PPVT-4; Lenhard et al., 2015) zur Erfassung des rezeptiven Wortschatzes und des Tests zur Überprüfung des Grammatikverständnisses (TROG-D; Fox-Boyer, 2016), herangezogen. Analysiert werden Daten von 1 877 Teilnehmenden der ersten Erhebungswelle und von 778 Teilnehmenden der siebten Erhebungswelle der Studie Refugees in the German Educational System (ReGES). Die Teilnehmenden sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen und waren im Durchschnitt in der ersten Erhebungswelle 16.0 Jahre und in der siebten Erhebungswelle 17.8 Jahre alt. Die Korrelationen zwischen den Selbsteinschätzungen und den Deutschkompetenztests weisen mittlere Effektstärken auf und die jugendlichen Flüchtlinge überschätzten ihre Deutschkompetenzen im Durchschnitt. Als Antwort auf die allgemein formulierten Items wählten die allermeisten Jugendlichen nur die wenigen positiv formulierten Kategorien, sodass die Verteilung der Antworten schief war, teilweise mit deutlichem Deckeneffekt und die breite Variation der einzuschätzenden Kompetenz nicht differenziert abgebildet wurde. Mithilfe von Strukturgleichungsmodellen werden Einflussfaktoren der Selbsteinschätzungen identifiziert und dabei der Einfluss der objektiv gemessenen Kompetenz auf die Selbsteinschätzungen kontrolliert. Die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken hatte einen negativen Effekt auf die Selbsteinschätzungen, sodass Teilnehmende mit höheren Fähigkeiten zum schlussfolgernden Denken ihre Deutschkompetenzen vergleichsweise niedriger einschätzten als Teilnehmende mit niedrigeren Fähigkeiten zum schlussfolgernden Denken. Das Engagement beim Deutschlernen hatte einen positiven Effekt auf die Selbsteinschätzungen, sodass Personen, die mehr Engagement beim Deutschlernen angaben, ihre Deutschkompetenzen vergleichsweise höher einschätzten als Personen, die weniger Engagement beim Deutschlernen angaben. Der vorhergesagte negative Effekt der Leistung in Mathematik wurde nicht bestätigt, ebenso wenig haben sich die vorhergesagten negativen Effekte der Teilnahme an einem Deutschkurs und der Teilnahme an einem Deutschtest auf die Höhe der Selbsteinschätzung bestätigt. Die verschiedenen Arten von Selbsteinschätzungsitems unterschieden sich nicht grundlegend in der Genauigkeit, mit der sie die deutschen Sprachkompetenzen erfassten. Anhand eines Latent-Change-Modells wird gezeigt, dass die Veränderung der sprachlichen Kompetenzen im Deutschen zwischen den beiden Messzeitpunkten mit den Can-Do-Statements besser erfasst werden kann als mit den Standard-Items. Es wird geschlussfolgert, dass die Selbsteinschätzungen die Deutschkompetenzen der Teilnehmenden nur ungenau erfassen und objektive Kompetenzmaße grundsätzlich zu bevorzugen sind. Sofern Selbsteinschätzungen als Deutschkompetenzmaße herangezogen werden, sollten bei der Interpretation der Ergebnisse die Ungenauigkeiten und systematischen Einflüsse z.B. der Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken oder des Engagements beim Deutschlernen berücksichtigt werden. Möglichkeiten zur Verbesserung der Selbsteinschätzungsitems mit dem Ziel einer genaueren Erfassung der Deutschkompetenzen werden diskutiert.
Title: Selbsteinschätzungen sprachlicher Kompetenzen im Deutschen jugendlicher Flüchtlinge
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Gegenstand dieser Arbeit sind die Selbsteinschätzungen sprachlicher Kompetenzen im Deutschen jugendlicher Flüchtlinge.
Im Fokus steht, wie genau die jugendlichen Flüchtlinge ihre sprachlichen Kompetenzen im Deutschen einschätzen und ob sich die Selbsteinschätzungen als Maß für die sprachlichen Kompetenzen im Deutschen eignen.
Es werden Faktoren identifiziert, die Selbsteinschätzungen zusätzlich zu der tatsächlichen sprachlichen Kompetenz systematisch beeinflussen und es werden verschiedene Arten von Selbsteinschätzungsitems hin-sichtlich ihrer Eignung zur Erfassung der sprachlichen Kompetenzen im Deutschen verglichen.
Betrachtet werden vier verschiedene Arten von Selbsteinschätzungsitems zum Verstehen und Sprechen der deutschen Sprache.
Dazu gehören 1) allgemein formulierte Standard-Items, die eine fünfstufige Antwortskala vorgeben, 2) allgemein formulierte Schieberegler-Items, die einen zehnstufigen Endpunkt-gelabelten Schieberegler als Antwortskala vorgeben, 3) allgemein formulierte Vergleich-Items, die gleichaltrige Muttersprachlerinnen und Muttersprachler als Referenzgruppe vorgeben mit einer fünfstufigen Antwortskala und 4) spezifisch formulierte Can-Do-Statements, von denen diejenigen Anforderungen ausgewählt werden sollen, die die Teilnehmenden auf Deutsch können.
Als Kriterium werden die Ergebnisse zweier Deutschkompetenztests, des Peabody-Picture-Vocabulary-Tests – 4.
Ausgabe (PPVT-4; Lenhard et al.
, 2015) zur Erfassung des rezeptiven Wortschatzes und des Tests zur Überprüfung des Grammatikverständnisses (TROG-D; Fox-Boyer, 2016), herangezogen.
Analysiert werden Daten von 1 877 Teilnehmenden der ersten Erhebungswelle und von 778 Teilnehmenden der siebten Erhebungswelle der Studie Refugees in the German Educational System (ReGES).
Die Teilnehmenden sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen und waren im Durchschnitt in der ersten Erhebungswelle 16.
0 Jahre und in der siebten Erhebungswelle 17.
8 Jahre alt.
Die Korrelationen zwischen den Selbsteinschätzungen und den Deutschkompetenztests weisen mittlere Effektstärken auf und die jugendlichen Flüchtlinge überschätzten ihre Deutschkompetenzen im Durchschnitt.
Als Antwort auf die allgemein formulierten Items wählten die allermeisten Jugendlichen nur die wenigen positiv formulierten Kategorien, sodass die Verteilung der Antworten schief war, teilweise mit deutlichem Deckeneffekt und die breite Variation der einzuschätzenden Kompetenz nicht differenziert abgebildet wurde.
Mithilfe von Strukturgleichungsmodellen werden Einflussfaktoren der Selbsteinschätzungen identifiziert und dabei der Einfluss der objektiv gemessenen Kompetenz auf die Selbsteinschätzungen kontrolliert.
Die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken hatte einen negativen Effekt auf die Selbsteinschätzungen, sodass Teilnehmende mit höheren Fähigkeiten zum schlussfolgernden Denken ihre Deutschkompetenzen vergleichsweise niedriger einschätzten als Teilnehmende mit niedrigeren Fähigkeiten zum schlussfolgernden Denken.
Das Engagement beim Deutschlernen hatte einen positiven Effekt auf die Selbsteinschätzungen, sodass Personen, die mehr Engagement beim Deutschlernen angaben, ihre Deutschkompetenzen vergleichsweise höher einschätzten als Personen, die weniger Engagement beim Deutschlernen angaben.
Der vorhergesagte negative Effekt der Leistung in Mathematik wurde nicht bestätigt, ebenso wenig haben sich die vorhergesagten negativen Effekte der Teilnahme an einem Deutschkurs und der Teilnahme an einem Deutschtest auf die Höhe der Selbsteinschätzung bestätigt.
Die verschiedenen Arten von Selbsteinschätzungsitems unterschieden sich nicht grundlegend in der Genauigkeit, mit der sie die deutschen Sprachkompetenzen erfassten.
Anhand eines Latent-Change-Modells wird gezeigt, dass die Veränderung der sprachlichen Kompetenzen im Deutschen zwischen den beiden Messzeitpunkten mit den Can-Do-Statements besser erfasst werden kann als mit den Standard-Items.
Es wird geschlussfolgert, dass die Selbsteinschätzungen die Deutschkompetenzen der Teilnehmenden nur ungenau erfassen und objektive Kompetenzmaße grundsätzlich zu bevorzugen sind.
Sofern Selbsteinschätzungen als Deutschkompetenzmaße herangezogen werden, sollten bei der Interpretation der Ergebnisse die Ungenauigkeiten und systematischen Einflüsse z.
B.
der Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken oder des Engagements beim Deutschlernen berücksichtigt werden.
Möglichkeiten zur Verbesserung der Selbsteinschätzungsitems mit dem Ziel einer genaueren Erfassung der Deutschkompetenzen werden diskutiert.
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