Javascript must be enabled to continue!
Die römische Villa Haselburg bei Hummetroth, Gde. Höchst i. Odw., in ihrem Umland
View through CrossRef
Die besondere Lage der römischen Villa Haselburg bei Höchst im Odenwald, eine über 200-jährige Forschungsgeschichte und das Fehlen einer geschlossenen wissenschaftlichen Aufarbeitung haben zu verschiedenen Spekulationen geführt, was die wirtschaftliche Grundlage dieser Anlage gewesen sei. Nur sehr wenige Forscher haben die eigentlich am nächsten liegende Erklärung in der Landwirtschaft gesucht. Bei ihrer Entdeckung wurde sie zunächst für ein römisches Kastell gehalten. Später kamen verschiedene Thesen ex silentio auf (Ziegelei, Kalkbrennerei, Raststation, Verwaltungssitz oder Statthalterpalast).
Diese Arbeit versucht, alle verfügbaren Quellen heranzuziehen und kritisch zu beleuchten. Dies umfasst neben archäologischen Quellen auch naturwissenschaftliche, historische und geographische Methoden.
Die Haselburg liegt auf einem bevorzugten Siedlungsplatz des Vorderen Odenwaldes, der nicht nur in einer wenig ertragreichen Gegend den besten Boden mit zahlreichen Rohstoffvorkommen bietet, sondern auch eine herausragende topographische Lage inmitten einer Hochfläche mit Zugängen zu den bevorzugten Verkehrswegen entlang der Flüsse Mümling und Gersprenz. Die Anlage war nach Dieburg orientiert, wohin sie gute Verkehrsverbindungen besaß und woher sie einen Großteil ihrer lokal eingekauften Waren bezog. In dieser Arbeit zeigt sich eine weitere wirtschaftliche Komponente, da die Haselburg ähnlich vom Mainlimes und dem Standort Obernburg abhängig war. Nicht nur, dass von hier rund 20% der Gebrauchskeramik und zahlreiche Ziegel bezogen wurden, wie Materialanalysen zeigen, die chronologischen Eckdaten passen besser zur Entwicklung des Mainlimes als auf Dieburg.
Der Befund der etwas über 3,4 ha großen Hoffläche wird dominiert vom Hauptwohnkomplex, der sich in seiner letzten Bauphase aus einem architektonisch ausgereiften Herrenhaus, einem Badegebäude und einem sogenannten Wirtschaftstrakt zusammensetzte. Durch wenig sachgemäße Grabung dieses Teils zwischen 1979 und 1985 können hier nur zwei Perioden genauer unterschieden werden. In der ersten bestand das Herrenhaus mit einer mindestens einseitigen Risalitfassade. Wahrscheinlich gehört auch das Badegebäude teilweise in diese erste Periode. Der Beginn ist nicht vor 120 n. Chr. anzusetzen und steht damit wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Civitas-Gründung in Dieburg, in dessen Umland die Villen allgemein nicht vor 120 zu beginnen scheinen. Kurz nach der Mitte des 2. Jahrhunderts sind zahlreiche größere Um- oder Neubauten greifbar. Architektur, Bauausführung und Funde belegen, dass nun in erheblichem Umfang in die Anlage investiert wurde, vielleicht verbunden mit einem Wechsel zu einem neuen, wesentlich zahlungskräftigeren Besitzer. Chronologisch würde dieses Datum sehr gut mit der Aufhebung des Odenwaldlimes und der Einrichtung der vorderen Limeslinie zusammenpassen.
Die nun entstandene Anlage mit dreiseitiger Portikus kann als sehr kompaktes Villengebäude vom Reihentyp bezeichnet werden. Obwohl ursprunglich als Gehöft vom Streuhoftyp konzipiert, spielen einige der neu entstandenen Strukturen (dreiseitige Portikus, Übergänge zu den funktional zugehörigen Nebengebäuden, Jupiterheiligtum) ganz bewusst auf größere Axialanlagen und Villen vom Dreiflügeltyp an. Die Haselburg dürfte aber zu den kleinsten Hauptgebäuden dieser Art gehören. Mit seinem zentralen Empfangsraum ist es dennoch stark auf Repräsentation des Besitzers gegenüber den Pächtern kleinerer Höfe des Umlandes ausgelegt.
Nebengebäude mit landwirtschaftlichem Zweck sind auf der Hoffläche unterrepräsentiert. Gelegentlich lässt die architektonische Gestaltung auf das Vorhandensein von Vieh schließen. Aus dem Fundmaterial ergibt sich keine über die Landwirtschaft hinausgehende spezialisierte Nutzung der Anlage, lediglich die Eisenfunde deuten vorsichtig auf Holzverarbeitung hin. Der Betrieb auf der Haselburg dürfte sich demnach an die örtlichen Gegebenheiten im Odenwald weitgehend angepasst haben.
Die Ausstattung zeigt deutlich den Wohlstand und das Repräsentationsbedürfnis des Besitzers in einem ländlichen Umfeld. Dies steht im deutlichen Widerspruch zu benachbarten römischen Siedlungsplätzen im Odenwald, die mit wenigen Ausnahmen wenige oder gar keine repräsentativen Gebäude besitzen (Subsistenzbetriebe). Dieser Gegensatz ist gleichzeitig ein Hinweis auf die Sozialstruktur in einer schon damals sehr abgelegenen Mittelgebirgsregion. Die Haselburg steht dabei für den Wohnsitz eines Großgrundbesitzers an der Spitze der Pyramide, sicher mit erheblichem Einfluss auf die Bewohner der anderen Höfe.
Nach Ausweis der Funde endete das römische Leben auf der Haselburg um 233-235 n. Chr. oder kurz danach. Vermutlich war die abgelegene Region für reiche Siedlungsplätze zu gefährlich geworden. Zur gleichen Zeit fand im nur 18 km entfernten Obernburg die Aufgabe und Zerstörung des Beneficiarierheiligtums statt. Die datierbaren Inschriften und Münzfunde mit der Ausnahme Stockstadts am Mainlimes enden in den 240er und 250er Jahren. Eine Anlage wie die Haselburg hatte mit der Aufgabe der dortigen Truppenstandorte ihren Schutz und ihren Absatzmarkt verloren. Die Funde legen eine planmäßige Räumung nahe, Hinweise auf eine gewaltsame Zerstörung gibt es nicht. Die spätesten Fundstücke von der Haselburg passen nahtlos in bekannte Komplexe der Jahre 233-235 ein, besonders die Keramikdepots von Langenhain, Ober-Florstadt und ein Komplex an der Dieburger Stadtmauer.
Title: Die römische Villa Haselburg bei Hummetroth, Gde. Höchst i. Odw., in ihrem Umland
Description:
Die besondere Lage der römischen Villa Haselburg bei Höchst im Odenwald, eine über 200-jährige Forschungsgeschichte und das Fehlen einer geschlossenen wissenschaftlichen Aufarbeitung haben zu verschiedenen Spekulationen geführt, was die wirtschaftliche Grundlage dieser Anlage gewesen sei.
Nur sehr wenige Forscher haben die eigentlich am nächsten liegende Erklärung in der Landwirtschaft gesucht.
Bei ihrer Entdeckung wurde sie zunächst für ein römisches Kastell gehalten.
Später kamen verschiedene Thesen ex silentio auf (Ziegelei, Kalkbrennerei, Raststation, Verwaltungssitz oder Statthalterpalast).
Diese Arbeit versucht, alle verfügbaren Quellen heranzuziehen und kritisch zu beleuchten.
Dies umfasst neben archäologischen Quellen auch naturwissenschaftliche, historische und geographische Methoden.
Die Haselburg liegt auf einem bevorzugten Siedlungsplatz des Vorderen Odenwaldes, der nicht nur in einer wenig ertragreichen Gegend den besten Boden mit zahlreichen Rohstoffvorkommen bietet, sondern auch eine herausragende topographische Lage inmitten einer Hochfläche mit Zugängen zu den bevorzugten Verkehrswegen entlang der Flüsse Mümling und Gersprenz.
Die Anlage war nach Dieburg orientiert, wohin sie gute Verkehrsverbindungen besaß und woher sie einen Großteil ihrer lokal eingekauften Waren bezog.
In dieser Arbeit zeigt sich eine weitere wirtschaftliche Komponente, da die Haselburg ähnlich vom Mainlimes und dem Standort Obernburg abhängig war.
Nicht nur, dass von hier rund 20% der Gebrauchskeramik und zahlreiche Ziegel bezogen wurden, wie Materialanalysen zeigen, die chronologischen Eckdaten passen besser zur Entwicklung des Mainlimes als auf Dieburg.
Der Befund der etwas über 3,4 ha großen Hoffläche wird dominiert vom Hauptwohnkomplex, der sich in seiner letzten Bauphase aus einem architektonisch ausgereiften Herrenhaus, einem Badegebäude und einem sogenannten Wirtschaftstrakt zusammensetzte.
Durch wenig sachgemäße Grabung dieses Teils zwischen 1979 und 1985 können hier nur zwei Perioden genauer unterschieden werden.
In der ersten bestand das Herrenhaus mit einer mindestens einseitigen Risalitfassade.
Wahrscheinlich gehört auch das Badegebäude teilweise in diese erste Periode.
Der Beginn ist nicht vor 120 n.
Chr.
anzusetzen und steht damit wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Civitas-Gründung in Dieburg, in dessen Umland die Villen allgemein nicht vor 120 zu beginnen scheinen.
Kurz nach der Mitte des 2.
Jahrhunderts sind zahlreiche größere Um- oder Neubauten greifbar.
Architektur, Bauausführung und Funde belegen, dass nun in erheblichem Umfang in die Anlage investiert wurde, vielleicht verbunden mit einem Wechsel zu einem neuen, wesentlich zahlungskräftigeren Besitzer.
Chronologisch würde dieses Datum sehr gut mit der Aufhebung des Odenwaldlimes und der Einrichtung der vorderen Limeslinie zusammenpassen.
Die nun entstandene Anlage mit dreiseitiger Portikus kann als sehr kompaktes Villengebäude vom Reihentyp bezeichnet werden.
Obwohl ursprunglich als Gehöft vom Streuhoftyp konzipiert, spielen einige der neu entstandenen Strukturen (dreiseitige Portikus, Übergänge zu den funktional zugehörigen Nebengebäuden, Jupiterheiligtum) ganz bewusst auf größere Axialanlagen und Villen vom Dreiflügeltyp an.
Die Haselburg dürfte aber zu den kleinsten Hauptgebäuden dieser Art gehören.
Mit seinem zentralen Empfangsraum ist es dennoch stark auf Repräsentation des Besitzers gegenüber den Pächtern kleinerer Höfe des Umlandes ausgelegt.
Nebengebäude mit landwirtschaftlichem Zweck sind auf der Hoffläche unterrepräsentiert.
Gelegentlich lässt die architektonische Gestaltung auf das Vorhandensein von Vieh schließen.
Aus dem Fundmaterial ergibt sich keine über die Landwirtschaft hinausgehende spezialisierte Nutzung der Anlage, lediglich die Eisenfunde deuten vorsichtig auf Holzverarbeitung hin.
Der Betrieb auf der Haselburg dürfte sich demnach an die örtlichen Gegebenheiten im Odenwald weitgehend angepasst haben.
Die Ausstattung zeigt deutlich den Wohlstand und das Repräsentationsbedürfnis des Besitzers in einem ländlichen Umfeld.
Dies steht im deutlichen Widerspruch zu benachbarten römischen Siedlungsplätzen im Odenwald, die mit wenigen Ausnahmen wenige oder gar keine repräsentativen Gebäude besitzen (Subsistenzbetriebe).
Dieser Gegensatz ist gleichzeitig ein Hinweis auf die Sozialstruktur in einer schon damals sehr abgelegenen Mittelgebirgsregion.
Die Haselburg steht dabei für den Wohnsitz eines Großgrundbesitzers an der Spitze der Pyramide, sicher mit erheblichem Einfluss auf die Bewohner der anderen Höfe.
Nach Ausweis der Funde endete das römische Leben auf der Haselburg um 233-235 n.
Chr.
oder kurz danach.
Vermutlich war die abgelegene Region für reiche Siedlungsplätze zu gefährlich geworden.
Zur gleichen Zeit fand im nur 18 km entfernten Obernburg die Aufgabe und Zerstörung des Beneficiarierheiligtums statt.
Die datierbaren Inschriften und Münzfunde mit der Ausnahme Stockstadts am Mainlimes enden in den 240er und 250er Jahren.
Eine Anlage wie die Haselburg hatte mit der Aufgabe der dortigen Truppenstandorte ihren Schutz und ihren Absatzmarkt verloren.
Die Funde legen eine planmäßige Räumung nahe, Hinweise auf eine gewaltsame Zerstörung gibt es nicht.
Die spätesten Fundstücke von der Haselburg passen nahtlos in bekannte Komplexe der Jahre 233-235 ein, besonders die Keramikdepots von Langenhain, Ober-Florstadt und ein Komplex an der Dieburger Stadtmauer.
Related Results
Pedersstræde i Viborg. Købstadarkæologiske undersøgelser 1966/67
Pedersstræde i Viborg. Købstadarkæologiske undersøgelser 1966/67
Pedersstræde in Viborg Archäologische Untersuchungen der Stadt ViborgSchon seit dem 17. Jahrhundert hat man die historisch-topographische Entwicklung der Stadt Viborg zum Gegenstan...
E-Learning
E-Learning
E-Learning ist heute aus keinem pädagogischen Lehrraum mehr wegzudenken. In allen Bereichen von Schule über die berufliche bis zur universitären Ausbildung und besonders im Bereich...
Metabolismusstudien an Mykotoxinen
Metabolismusstudien an Mykotoxinen
ZusammenfassungMykotoxine sind toxische Sekundärmetaboliten verschiedener Schimmelpilze. Aufgrund der weiten Verbreitung der Pilze kommen Mykotoxine ubiquitär in Lebens‐ und Futter...
Interaktion von Shiga Toxin mit primären humanen intestinalen und renalen Epithelzellen
Interaktion von Shiga Toxin mit primären humanen intestinalen und renalen Epithelzellen
ZusammenfassungInfektionen durch enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC)‐Bakterien können beim Menschen wässrige und blutige Durchfälle verursachen und im schlimmsten Fall das...
Der Diskurs um Medien und Werte ist weiter zu fassen
Der Diskurs um Medien und Werte ist weiter zu fassen
Die Debatte um Werte und Medien begleitet die Gesellschaft und speziell die Pädagogik seit dem Aufkommen der sogenannten Massenmedien. Im Mittelpunkt stand und steht noch immer die...
Photolabile Schutzgruppen und ihre Anwendung zur wellenlängenselektiven Aktivierung und Deaktivierung eines Antibiotikums
Photolabile Schutzgruppen und ihre Anwendung zur wellenlängenselektiven Aktivierung und Deaktivierung eines Antibiotikums
Die Verwendung von photolabilen Schutzgruppen zur nicht-invasiven Kontrolle von Systemen birgt ein großes Potential für verschiedenste Anwendungsgebiete, die von der Erforschung un...
Nachgefragt: Maryanne Redpath, Leiterin Sektion Generation der Berlinale
Nachgefragt: Maryanne Redpath, Leiterin Sektion Generation der Berlinale
Abschied von der Berlinale – mit einem 20-jährigen Jubiläum als Leiterin der Sektion Generation beendet Maryanne Redpath ihre Arbeit beim internationalen Filmfestival. Schon 1993 w...
Entwicklung HPLC‐MS/MS‐basierter Methoden zur Multi‐Mykotoxinanalytik in Humanurin
Entwicklung HPLC‐MS/MS‐basierter Methoden zur Multi‐Mykotoxinanalytik in Humanurin
ZusammenfassungMykotoxine sind toxische Sekundärmetaboliten von Schimmelpilzen verschiedener Gattungen. Der Befall von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen wie Getreide, Obst, Nüssen ...

