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Editorial

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Es ist nicht ganz einfach zu sagen, was heute eigentlich genau „Radio“ bezeichnet. Früher war Radio Hörfunk, noch früher wurde er Rundfunk genannt, und gemeint war damit ausgestrahlter und technisch empfangener Ton. Heute wird zunehmend das Internet zu einem zweiten Bein dessen, was früher Radio hieß: Wenn etwa Radiomacher ihre Sendungen ins Netz stellen, mit Texten und Bildern versehen, dann werden so Hörerdiskussionen möglich und immer selbstverständlicher. Ist es vielleicht auch Radio, wenn jemand regelmäßig jede Woche einen kleinen Podcast, also ein Hörangebot via Internet zugänglich macht? Wenn jemand hunderte Stunden Musik und Texte auf seinen iPod lädt und dies an andere weitergibt? Wieso ist es Radio, wenn ein Computer aus einem vorgegebenen Musikvorrat und gesprochenen Texten rund um die Uhr irgendetwas zusammensetzt? Was hat es mit Radio zu tun, wenn wir ein Internetradio anschließen, das uns jederzeit allein schon ein paar hundert Sender der Welt anbietet, die Bluesmusik ausstrahlen? Und überhaupt, was passiert eigentlich mit dem Hören und Zuhören als ein Typus kommunikativen Handelns, den wir alle kennen, aber vielleicht nicht immer alle gleich praktizieren? Gibt es noch ein Radio hören (und ein Radio machen), das etwas Eigenes und Besonderes ist? Immerhin, unter Lokalradio kann man sich auch heute noch vorstellen, dass es sich um Musik und gesprochene Texte handelt, die in einem lokalen Raum gehört werden können. Oft ist es aber auch beim Lokalradio so, dass die Musik, die ausgestrahlt wird, sich von der, die Radios 1.000 Kilometer weiter ausstrahlen, nicht weiter unterscheidet: konfektionierte, erwartete Tonfolgen, die überall zu hören sind, der Rest sind vielleicht nur standardisierte Nachrichten und Staumeldungen, die sich dann immerhin auf unterschiedliche Autobahnkreuze beziehen. Darauf beschränkt sich ihr lokaler Bezug dann aber oft weitgehend. Also schränken wir noch ein wenig weiter ein – es gibt unter den lokalen Radios auch nichtkommerzielle Privatsender, offene Kanäle und Campusradios bzw. Ausbildungskanäle, die sich von den kommerziellen und auch von den öffentlichrechtlichen unterscheiden. Sie sind die unscheinbaren unter den Radiokanälen. Sie sind in der Regel von Landesmedienanstalten, Hochschulen und anderen Institutionen abhängig. Manchmal senden sie auch schwarz und ohne Lizenz. Aber das, was sie klein macht – die Zahl ihrer Hörerinnen und Hörer – ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass sie oft ein großes Programm komponieren und verteilen. Denn sie sind es, die lokal bekannt und vernetzt sind. Auf sie bündeln sich die Hoffnungen von Bürgerinitiativen, zu Wort zu kommen und Öffentlichkeit herzustellen. Dort werden sonst vergessene Jubiläen lokaler Bedeutung und verschwiegene Hintergründe berichtet. Sie arbeiten in der Regel mit lokalen Institutionen, mit Schulen, Jugendzentren und Stadtteilkomitees, Basisorganisationen und Umweltinitiativen zusammen. Auf offenen Kanälen kann sogar wie im berühmten Londoner Hydepark jeder Einzelne zu Wort kommen und die Kraft der eigenen Argumente erproben. Hier machen auch Jugendliche erste Erfahrungen, wie es denn ist, wenn man selbst eine Sendung entwirft und umsetzt, wenn man am Mikrofon sitzt und den anderen etwas zu sagen hat. Klar – im Internet oder auf YouTube kann man glatt zwei Milliarden Menschen erreichen. Aber die erreicht man nie, dort geht das Einzelne unter, während Radio sozial über die eigene und oft einzelne Stimme im lokalen Netzwerk funktioniert und dort gehört wird. Es geht im lokalen Radio dabei nicht nur um Information und Mitteilung, vielmehr ist es gegen die Beliebigkeit der Milliarden Websites im Internet auf Verständigung hin angelegt.Schade, dass die zuständige Landesmedienanstalt – gewiss mit Einverständnis des Hamburger Senats – den offenen Kanal Hamburg schon vor Jahren eingestellt hat und die Gelder für andere Zwecke verwendet werden. Ärgerlich ist dies auch unter dem Aspekt, dass viele Gelder der Landesmedienanstalt über die Medienstiftung dann doch wieder in die gigantischen Töpfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fließen. Schade auch, dass viele von den Landesmedienanstalten unterstützte offene Kanäle oder Lokalradios kein Geld haben, ihre Sendungen, die oft hervorragend sind, ins Internet zu stellen – Geld braucht man auch deswegen, weil dann immer auch GEMA-Gebühren anfallen und Rechtsfragen zu klären sind. Man kann wohl sagen, dass die Landesmedienanstalten die ihnen anvertrauten und von ihnen lizensierten nichtkommerziellen Radios, offenen Kanäle und Ausbildungsradios in der Regel weder finanziell noch organisatorisch hinreichend unterstützen, auch dann nicht, wenn diese nicht auf Profit ausgelegt sind.Wir leben heute in einer Postdemokratie, wie der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch die politischen Verhältnisse in den Industrieländern von heute nennt, mit denen wir zurechtkommen sollen. Damit ist gemeint: Es gibt dort heute zwar Recht und Gesetz, es sind demokratische Institutionen zu finden und die Gerichte wachen über die Einhaltung von Regeln. Aber trotzdem finden immer mehr politische Prozesse nicht mehr auf nachprüfbare Weise statt. Sie sind für die breite Öffentlichkeit nicht mehr transparent, denn Entscheidungen werden immer häufiger hinter der Bühne und in immer graueren Rechtszonen, also jenseits gerichtlicher Nachprüfbarkeit und demokratisch notwendiger Partizipation von Betroffenen und Bevölkerung ausgehandelt. Dazu gehört auch, dass die Parteien in wachsendem Maße die öffentlichrechtlichen Sender kontrollieren, während die privaten in der Regel ohnehin nur gnadenlos den Mainstreamgeschmack bedienen, um die Quote hochzuhalten. Der Bürgerrundfunk gehört hingegen noch der Zivilgesellschaft – als letztes der klassischen Massenmedien. Wenn überhaupt, dann wird hier das gesagt, was nicht im Interesse von Staat und Wirtschaft, sondern im Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist. Das ist ein Grund, warum es des Bürgerrundfunks bedarf und warum wir unbedingt einen gut ausgestatteten Bürgerrundfunk brauchen. Auch dann, wenn nur wenige aus den lokalen Netzen zuhören, was wohl meistens der Fall ist.Das Lokalradio ist aber nicht nur ein wichtiges Medium der Zivilgesellschaft, das leicht zugänglich ist und nur beschränkt technische Kenntnisse als Voraussetzungen für seine Verwendung verlangt. Es eignet sich aufgrund dieser Eigenschaften insbesondere auch hervorragend dazu, als Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche zu dienen und sie in die Möglichkeiten und Problematiken einer gesellschaftlichen Partizipation in Demokratie einzuführen. Es ist ein Erfahrungsraum, der Zugang zum Medienmachen ermöglicht und zugleich auch einen Zugang in die lokale Gesellschaft, in der sie leben. Dabei finden diese ersten die alltägliche Lebenswelt übergreifenden Partizipationserfahrungen nicht allein und isoliert wie vor dem Fernseher oder ohne direkte Rückmeldung wie meist im Internet statt, sondern sozial vermittelt in der Gruppe. Obendrein ist dieser Erfahrungsraum „Lokalradio“ auch einer, an dem man lernen kann, wie Demokratie in unseren Breiten funktioniert – strukturell ist sie heute fest an Institutionen gebunden, die ihren eigenen Interessen folgen und die die Sphären von Alltag und Gesellschaft fest in der Hand haben: Vermachtet, hat der frühe Habermas das noch genannt. Partizipation ist da nie so recht erwünscht, wenn sie sich den vorgegebenen Regeln nicht unterwirft, sondern Interessenskonflikte deutlich werden lässt. Nicht lebendige Demokratie, sondern Anpassung an die Regeln sind verlangt, und wer sich nicht daran hält, bekommt Schwierigkeiten. Auch das wird man lernen, wenn man Lokalradio macht, diese Konfliktfähigkeit braucht, wer Demokratin oder Demokrat werden will. Das hier vorgelegte Heft setzt sich mit Radio, insbesondere Lokalradio und Jugendlichen auseinander. In einem ersten Beitrag geht Wolf-Dieter Roth der Geschichte der freien Radios in Deutschland nach. Erstaunlicherweise gab es selbst im ordentlichen Deutschland auch immer wieder ganz unterschiedliche Piratensender, bei denen es mal um Musik und ein spezifisches Lebensgefühl, mal um lokale Praxis und Betroffenheiten, mal um politische Stellungnahmen und Aktivierung ging – es ist sein Resümee, dass politische Piratensender, die noch einen wichtigen Beitrag zur Formierung der Ökologiebewegung geleistet hatten, in den letzten Jahrzehnten kaum mehr eine Rolle spielten – der Text wirft somit implizit auch die Frage auf, welche politische Rolle das genehmigte Lokalradio heute noch spielt. Wolfgang Reißmann und Anja Hartung berichten in ihrem Text von den Ergebnissen einer umfangreichen Studie über Hörfunk- und Musikmedienaneignung durch Jugendliche. Dabei ging es nicht nur um die Feststellung, welchen Stellenwert Radio heute im Alltag der Jugendlichen hat, sondern auch um das Erproben neuer Formen des kollektiven Radiomachens; sie attestieren dem Radio insgesamt ein Nischendasein, in dem aber auch wichtige Teilhabechancen angelegt sind. Theresa Steffens und Thomas Gottweiss sind in einer einjährigen Projektarbeit zusammen mit weiteren Studierenden der Universität Erfurt der Frage nachgegangen, welchen Sinn Bürgerrundfunk im Zeitalter des Internet eigentlich noch haben kann; sie haben dazu Fallstudien zum Bürgerrundfunk sowie zu lokal angelegten Internetangeboten durchgeführt und die Ergebnisse miteinander verglichen. Sie stellen vor allem die lokale Vernetzung des Bürgerrundfunks in den Vordergrund, wenn sie über die Zukunft solcher Sender nachdenken. Schließlich geht Steffen Griesinger den vielfältigen Möglichkeiten nach, heute in einer medienpädagogischen Absicht Radio gemeinsam mit Jugendlichen zu machen und ihnen so neue Erfahrungsräume zu eröffnen, die zu ihrer Medienkompetenz wesentlich beitragen können. Er stellt auch eine ganze Reihe von Internetsites vor, die solche Radioarbeit unterstützen. Abgerundet wird das Thema durch Kurzinterviews mit Jürgen Linke, Geschäftsführer des Bundesverbands Offener Kanäle e. V. , und Markus Schennach, Geschäftsführer des Freien Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 und Obmann des Verbands der Freien Radios Österreich (VFRÖ). Sie nehmen Stellung dazu, welche Veränderungen aus Sicht des Radios mit der Etablierung des Internets einhergehen und inwiefern das Radio dennoch eine wichtige Rolle hinsichtlich eines partizipativen Medienumgangs gerade Jugendlicher und junger Erwachsener spielt.Lokales, nichtkommerzielles Radio als Medium der Zivilgesellschaft könnte also eine Zukunft haben, insofern hier lokale Vernetzungen ihren Ausdruck finden und so Partizipation ermöglichen. Dabei kommt heute zum Hören immer auch das Internet dazu, das sich immer mehr zu einem Basismedium entwickelt, auf das sich andere Medien beziehen: Medien substituieren und verdrängen sich nicht, so die immer wieder ignorierte Lehre auch hier, sondern sie befruchten und entwickeln sich in Auseinandersetzung miteinander. Es wäre wichtig, dass die zuständigen Institutionen wie die Landesmedienanstalten diese Schritte unterstützen. Es wäre allerdings auch wichtig, dass sich das Lokalradio mehr bemerkbar macht. Man gewinnt leicht den Eindruck, dass das Radio immer weiter aus dem Blickfeld der Jugendlichen verschwindet, weil sie es nicht erleben, weil ihre Medienmenüs sehr viel komplexer angelegt sind und zwischen privat organisierter Musik und medienbezogener Information deutlich unterscheiden. Sie sehen die Chancen für Partizipation und lokale Vernetzung nicht mehr oder immer weniger. Das sollte nicht sein, und das wird sich ändern, wenn die Radios sich aktiv in der sich verändernden Medienlandschaft positionieren – und dazu auch die Möglichkeiten erhalten.
Title: Editorial
Description:
Es ist nicht ganz einfach zu sagen, was heute eigentlich genau „Radio“ bezeichnet.
Früher war Radio Hörfunk, noch früher wurde er Rundfunk genannt, und gemeint war damit ausgestrahlter und technisch empfangener Ton.
Heute wird zunehmend das Internet zu einem zweiten Bein dessen, was früher Radio hieß: Wenn etwa Radiomacher ihre Sendungen ins Netz stellen, mit Texten und Bildern versehen, dann werden so Hörerdiskussionen möglich und immer selbstverständlicher.
Ist es vielleicht auch Radio, wenn jemand regelmäßig jede Woche einen kleinen Podcast, also ein Hörangebot via Internet zugänglich macht? Wenn jemand hunderte Stunden Musik und Texte auf seinen iPod lädt und dies an andere weitergibt? Wieso ist es Radio, wenn ein Computer aus einem vorgegebenen Musikvorrat und gesprochenen Texten rund um die Uhr irgendetwas zusammensetzt? Was hat es mit Radio zu tun, wenn wir ein Internetradio anschließen, das uns jederzeit allein schon ein paar hundert Sender der Welt anbietet, die Bluesmusik ausstrahlen? Und überhaupt, was passiert eigentlich mit dem Hören und Zuhören als ein Typus kommunikativen Handelns, den wir alle kennen, aber vielleicht nicht immer alle gleich praktizieren? Gibt es noch ein Radio hören (und ein Radio machen), das etwas Eigenes und Besonderes ist? Immerhin, unter Lokalradio kann man sich auch heute noch vorstellen, dass es sich um Musik und gesprochene Texte handelt, die in einem lokalen Raum gehört werden können.
Oft ist es aber auch beim Lokalradio so, dass die Musik, die ausgestrahlt wird, sich von der, die Radios 1.
000 Kilometer weiter ausstrahlen, nicht weiter unterscheidet: konfektionierte, erwartete Tonfolgen, die überall zu hören sind, der Rest sind vielleicht nur standardisierte Nachrichten und Staumeldungen, die sich dann immerhin auf unterschiedliche Autobahnkreuze beziehen.
Darauf beschränkt sich ihr lokaler Bezug dann aber oft weitgehend.
Also schränken wir noch ein wenig weiter ein – es gibt unter den lokalen Radios auch nichtkommerzielle Privatsender, offene Kanäle und Campusradios bzw.
Ausbildungskanäle, die sich von den kommerziellen und auch von den öffentlichrechtlichen unterscheiden.
Sie sind die unscheinbaren unter den Radiokanälen.
Sie sind in der Regel von Landesmedienanstalten, Hochschulen und anderen Institutionen abhängig.
Manchmal senden sie auch schwarz und ohne Lizenz.
Aber das, was sie klein macht – die Zahl ihrer Hörerinnen und Hörer – ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass sie oft ein großes Programm komponieren und verteilen.
Denn sie sind es, die lokal bekannt und vernetzt sind.
Auf sie bündeln sich die Hoffnungen von Bürgerinitiativen, zu Wort zu kommen und Öffentlichkeit herzustellen.
Dort werden sonst vergessene Jubiläen lokaler Bedeutung und verschwiegene Hintergründe berichtet.
Sie arbeiten in der Regel mit lokalen Institutionen, mit Schulen, Jugendzentren und Stadtteilkomitees, Basisorganisationen und Umweltinitiativen zusammen.
Auf offenen Kanälen kann sogar wie im berühmten Londoner Hydepark jeder Einzelne zu Wort kommen und die Kraft der eigenen Argumente erproben.
Hier machen auch Jugendliche erste Erfahrungen, wie es denn ist, wenn man selbst eine Sendung entwirft und umsetzt, wenn man am Mikrofon sitzt und den anderen etwas zu sagen hat.
Klar – im Internet oder auf YouTube kann man glatt zwei Milliarden Menschen erreichen.
Aber die erreicht man nie, dort geht das Einzelne unter, während Radio sozial über die eigene und oft einzelne Stimme im lokalen Netzwerk funktioniert und dort gehört wird.
Es geht im lokalen Radio dabei nicht nur um Information und Mitteilung, vielmehr ist es gegen die Beliebigkeit der Milliarden Websites im Internet auf Verständigung hin angelegt.
Schade, dass die zuständige Landesmedienanstalt – gewiss mit Einverständnis des Hamburger Senats – den offenen Kanal Hamburg schon vor Jahren eingestellt hat und die Gelder für andere Zwecke verwendet werden.
Ärgerlich ist dies auch unter dem Aspekt, dass viele Gelder der Landesmedienanstalt über die Medienstiftung dann doch wieder in die gigantischen Töpfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fließen.
Schade auch, dass viele von den Landesmedienanstalten unterstützte offene Kanäle oder Lokalradios kein Geld haben, ihre Sendungen, die oft hervorragend sind, ins Internet zu stellen – Geld braucht man auch deswegen, weil dann immer auch GEMA-Gebühren anfallen und Rechtsfragen zu klären sind.
Man kann wohl sagen, dass die Landesmedienanstalten die ihnen anvertrauten und von ihnen lizensierten nichtkommerziellen Radios, offenen Kanäle und Ausbildungsradios in der Regel weder finanziell noch organisatorisch hinreichend unterstützen, auch dann nicht, wenn diese nicht auf Profit ausgelegt sind.
Wir leben heute in einer Postdemokratie, wie der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch die politischen Verhältnisse in den Industrieländern von heute nennt, mit denen wir zurechtkommen sollen.
Damit ist gemeint: Es gibt dort heute zwar Recht und Gesetz, es sind demokratische Institutionen zu finden und die Gerichte wachen über die Einhaltung von Regeln.
Aber trotzdem finden immer mehr politische Prozesse nicht mehr auf nachprüfbare Weise statt.
Sie sind für die breite Öffentlichkeit nicht mehr transparent, denn Entscheidungen werden immer häufiger hinter der Bühne und in immer graueren Rechtszonen, also jenseits gerichtlicher Nachprüfbarkeit und demokratisch notwendiger Partizipation von Betroffenen und Bevölkerung ausgehandelt.
Dazu gehört auch, dass die Parteien in wachsendem Maße die öffentlichrechtlichen Sender kontrollieren, während die privaten in der Regel ohnehin nur gnadenlos den Mainstreamgeschmack bedienen, um die Quote hochzuhalten.
Der Bürgerrundfunk gehört hingegen noch der Zivilgesellschaft – als letztes der klassischen Massenmedien.
Wenn überhaupt, dann wird hier das gesagt, was nicht im Interesse von Staat und Wirtschaft, sondern im Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist.
Das ist ein Grund, warum es des Bürgerrundfunks bedarf und warum wir unbedingt einen gut ausgestatteten Bürgerrundfunk brauchen.
Auch dann, wenn nur wenige aus den lokalen Netzen zuhören, was wohl meistens der Fall ist.
Das Lokalradio ist aber nicht nur ein wichtiges Medium der Zivilgesellschaft, das leicht zugänglich ist und nur beschränkt technische Kenntnisse als Voraussetzungen für seine Verwendung verlangt.
Es eignet sich aufgrund dieser Eigenschaften insbesondere auch hervorragend dazu, als Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche zu dienen und sie in die Möglichkeiten und Problematiken einer gesellschaftlichen Partizipation in Demokratie einzuführen.
Es ist ein Erfahrungsraum, der Zugang zum Medienmachen ermöglicht und zugleich auch einen Zugang in die lokale Gesellschaft, in der sie leben.
Dabei finden diese ersten die alltägliche Lebenswelt übergreifenden Partizipationserfahrungen nicht allein und isoliert wie vor dem Fernseher oder ohne direkte Rückmeldung wie meist im Internet statt, sondern sozial vermittelt in der Gruppe.
Obendrein ist dieser Erfahrungsraum „Lokalradio“ auch einer, an dem man lernen kann, wie Demokratie in unseren Breiten funktioniert – strukturell ist sie heute fest an Institutionen gebunden, die ihren eigenen Interessen folgen und die die Sphären von Alltag und Gesellschaft fest in der Hand haben: Vermachtet, hat der frühe Habermas das noch genannt.
Partizipation ist da nie so recht erwünscht, wenn sie sich den vorgegebenen Regeln nicht unterwirft, sondern Interessenskonflikte deutlich werden lässt.
Nicht lebendige Demokratie, sondern Anpassung an die Regeln sind verlangt, und wer sich nicht daran hält, bekommt Schwierigkeiten.
Auch das wird man lernen, wenn man Lokalradio macht, diese Konfliktfähigkeit braucht, wer Demokratin oder Demokrat werden will.
Das hier vorgelegte Heft setzt sich mit Radio, insbesondere Lokalradio und Jugendlichen auseinander.
In einem ersten Beitrag geht Wolf-Dieter Roth der Geschichte der freien Radios in Deutschland nach.
Erstaunlicherweise gab es selbst im ordentlichen Deutschland auch immer wieder ganz unterschiedliche Piratensender, bei denen es mal um Musik und ein spezifisches Lebensgefühl, mal um lokale Praxis und Betroffenheiten, mal um politische Stellungnahmen und Aktivierung ging – es ist sein Resümee, dass politische Piratensender, die noch einen wichtigen Beitrag zur Formierung der Ökologiebewegung geleistet hatten, in den letzten Jahrzehnten kaum mehr eine Rolle spielten – der Text wirft somit implizit auch die Frage auf, welche politische Rolle das genehmigte Lokalradio heute noch spielt.
Wolfgang Reißmann und Anja Hartung berichten in ihrem Text von den Ergebnissen einer umfangreichen Studie über Hörfunk- und Musikmedienaneignung durch Jugendliche.
Dabei ging es nicht nur um die Feststellung, welchen Stellenwert Radio heute im Alltag der Jugendlichen hat, sondern auch um das Erproben neuer Formen des kollektiven Radiomachens; sie attestieren dem Radio insgesamt ein Nischendasein, in dem aber auch wichtige Teilhabechancen angelegt sind.
Theresa Steffens und Thomas Gottweiss sind in einer einjährigen Projektarbeit zusammen mit weiteren Studierenden der Universität Erfurt der Frage nachgegangen, welchen Sinn Bürgerrundfunk im Zeitalter des Internet eigentlich noch haben kann; sie haben dazu Fallstudien zum Bürgerrundfunk sowie zu lokal angelegten Internetangeboten durchgeführt und die Ergebnisse miteinander verglichen.
Sie stellen vor allem die lokale Vernetzung des Bürgerrundfunks in den Vordergrund, wenn sie über die Zukunft solcher Sender nachdenken.
Schließlich geht Steffen Griesinger den vielfältigen Möglichkeiten nach, heute in einer medienpädagogischen Absicht Radio gemeinsam mit Jugendlichen zu machen und ihnen so neue Erfahrungsräume zu eröffnen, die zu ihrer Medienkompetenz wesentlich beitragen können.
Er stellt auch eine ganze Reihe von Internetsites vor, die solche Radioarbeit unterstützen.
Abgerundet wird das Thema durch Kurzinterviews mit Jürgen Linke, Geschäftsführer des Bundesverbands Offener Kanäle e.
V.
, und Markus Schennach, Geschäftsführer des Freien Radio Innsbruck FREIRAD 105.
9 und Obmann des Verbands der Freien Radios Österreich (VFRÖ).
Sie nehmen Stellung dazu, welche Veränderungen aus Sicht des Radios mit der Etablierung des Internets einhergehen und inwiefern das Radio dennoch eine wichtige Rolle hinsichtlich eines partizipativen Medienumgangs gerade Jugendlicher und junger Erwachsener spielt.
Lokales, nichtkommerzielles Radio als Medium der Zivilgesellschaft könnte also eine Zukunft haben, insofern hier lokale Vernetzungen ihren Ausdruck finden und so Partizipation ermöglichen.
Dabei kommt heute zum Hören immer auch das Internet dazu, das sich immer mehr zu einem Basismedium entwickelt, auf das sich andere Medien beziehen: Medien substituieren und verdrängen sich nicht, so die immer wieder ignorierte Lehre auch hier, sondern sie befruchten und entwickeln sich in Auseinandersetzung miteinander.
Es wäre wichtig, dass die zuständigen Institutionen wie die Landesmedienanstalten diese Schritte unterstützen.
Es wäre allerdings auch wichtig, dass sich das Lokalradio mehr bemerkbar macht.
Man gewinnt leicht den Eindruck, dass das Radio immer weiter aus dem Blickfeld der Jugendlichen verschwindet, weil sie es nicht erleben, weil ihre Medienmenüs sehr viel komplexer angelegt sind und zwischen privat organisierter Musik und medienbezogener Information deutlich unterscheiden.
Sie sehen die Chancen für Partizipation und lokale Vernetzung nicht mehr oder immer weniger.
Das sollte nicht sein, und das wird sich ändern, wenn die Radios sich aktiv in der sich verändernden Medienlandschaft positionieren – und dazu auch die Möglichkeiten erhalten.

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