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Editorial
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Massenmedien werden und sind immer schon von den Gesellschaften, in denen sie genutzt werden, kontrolliert und geregelt worden. Zensur und Scheiterhaufen, Geheimräte und Innenministerien, Landesmedienanstalten, Zivil-, Straf- und Schutzgesetze machten zu allen Zeiten erwartbar, was man lesen, hören, sehen konnte. Dadurch werden Medien zugleich aber auch zu verlässlichen Institutionen und zum vertrauten Teil des Alltags der Menschen und darüber wird auch dafür gesorgt, dass die Medien am gesellschaftlichen Rahmen immer nur kratzen, ihn aber fast nie fundamental in Frage stellen. Neue Medien und neue Entwicklungen der alten Medien unterliegen solchen Regelungen oft erst einmal nicht, sie stiften Unruhe und sind deshalb immer schon verdächtig. Die neue Möglichkeit zu Zeiten der Reformation, Flugblätter zu drucken und zu verbreiten, hat die katholische Kirche irritiert, die Rotationspresse und die Fotografie im 19. Jahrhundert diente einer neuartigen politischen Öffentlichkeit und setzte den autoritären Staat unter Druck. Was das Internet und die digitalen Medien alles möglich machen – da stecken wir derzeit mitten drin und das hängt auch davon ab, wie wir als Zivilgesellschaft damit umgehen.
Deshalb war und ist mit den Potenzialen neuer Medien verbunden, dass sie in Grenzbereicheder Gesellschaft vordringen oder Grenzen überschreiten. Berichte aus den Kriegen des 19.Jahrhunderts warfen die Frage auf, ob Soldaten Mörder sind, die Vorstellung, eine Frau wolleMedizin und Anatomie an der Universität studieren, galt als obszön und auf der anderen Seite wurde der Respekt vor dem Papst mit Feuer und Schwert aufrecht erhalten oder der Tatbestandder Majestätsbeleidigung polizeilich überwacht. Vor allem die im christlichen Abendland so tabuisierte Sexualität ist mit jedem neuen Medium wieder ein Thema. Casanova, Lolita und de Sade als Buchevents, Fotografien aus den Boudoirs der Damen, Schlüpfriges in den Journalen,Rotlichtabteilungen im Internet wurden und werden angeboten und nachgefragt. Wer darfwas wissen, denken, sehen, fühlen, fantasieren und insbesondere, was passiert mit Kindern und Jugendlichen, wenn sie immer leichter Zugang zu sexuellen Informationen, Kontakten, Bildernund Fantasien haben? Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das vorliegende Heft mit Sexualität in den und Sexualisierung durch die elektronischen und elektrischen Medien von heute. In Musik und Chats, im Fernsehen, per Handy und im Internet. Wie bei allen neuen Medien werden Besorgnisse massiv thematisiert: All das verändere die Gehirnwellen (die offensichtlich unbedingt so bleiben müssen, wie sie sind), mache die Jugendlichen kaputt und leistungsfeindlich und führe zur Medien-, zur Jugend- und insbesondere zur sexuellen Verwahrlosung.
Das Argument für solche pauschalen Befürchtungen ist allerdings erst einmal das alte Missverständnis, bei dem Zugang und Wirkung verwechselt werden: Gewiss haben Jugendliche mit den digitalen Medien auf neue und leichte Weise Zugang zu sexuellen Inhalten, Bildern, Gedanken. Die Frage ist aber, ob sie das von sich aus eigentlich interessiert, was sie damit machen und was sich daraus für sie selbst und für die Gesellschaft ergibt. Drei Ebenen müssen hier unterschieden werden. Erstens geht die Sexualisierung der Gesellschaft nicht von den Jugendlichen aus, sondern entsteht in der Gesellschaft der Erwachsenen und unter dem Diktat der Werbung. Jugendliche, so die Studievon Dagmar Hoffmann, interessieren sich gerade deswegen für sexuelle Darstellungen im deutschen Fernsehen, weil sie erwarten, dass sie hier akzeptierte Formen von Sexualität vorgeführt bekommen, die Exzentrizitäten im Internet bleiben ihnen in der Regel eher fremd. Dass es trotzdem gefährdete Gruppen gibt und dass Jugendliche sexuelle Darstellungen auch benutzen, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen, ändert daran nichts. In eine ähnliche Richtung geht der Text von Wolfgang Reißmann, der die Bedeutung von Bildern, insbesondere von sexuellen Bildern im Leben von Jugendlichen untersucht. Zweitens gehört es natürlich zu den Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen, sich ein Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität und zum je anderen Geschlecht zu erarbeiten.
Dass jeder, der im Internet unterwegs ist, an jeder Ecke in sexuell inszenierte Angebote hineingelockt werden oder sie mit dem berühmten Klick erreichen kann, dass Jugendliche bekanntlich auch im Internet häufig sexuell angemacht werden, dass die Handy- und Klingeltondienste aufdringlich Angebote nahe legen und deren Coolness behaupten, macht die Dinge für sie nicht leichter. Auch dafür lassen sich die Texte von Hoffmann und Reißmann als Beleg anführen. Darüber hinaus macht der Aufsatz von Michael Ahlers und Christoph Jacke deutlich, dass Popmusik und Musik, Emotion und Sex unter den Bedingungen von heute zusammen gehören; die beiden Autoren entwickeln ein Forschungsprogramm, mit dem solche Zusammenhänge untersucht werden können und setzen es in einzelnen Teilen mit Studentinnen und Studenten um. Und schließlich drittens lässt sich aus all dem einmal mehr die Forderung ableiten, die Jugendlichen mit der Lösung ihrer Entwicklungsaufgaben auch auf diesem Gebiet nicht alleine zu lassen. Fünf Praktikerinnen und Praktiker nehmen zu diesen Fragen Stellung und berichten aus ihrer Arbeit: Lukas Geiser von der Fachstelle für Sexualpädagogik in Zürich gibt einen Überblick über sexuelle Sozialisationsprozesse bei Jugendlichen, deren eigenen Umgang mit Angeboten sowie wichtige Rahmenbedingungen. Barbara Flotho und Daniel Hajok setzen sich mit Pornografie in der Jugendarbeit auseinander, Johann Hartl vom pro familia Landesverband Bayern stellt die neuen Herausforderungen für die Sexualpädagogik dar und Arnfried Böker von der Landesstelle Kinder- und Jugendschutz in Sachsen-Anhalt berichtet abschließend von seinen praktischen Erfahrungen im Jugendschutz.
Title: Editorial
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Massenmedien werden und sind immer schon von den Gesellschaften, in denen sie genutzt werden, kontrolliert und geregelt worden.
Zensur und Scheiterhaufen, Geheimräte und Innenministerien, Landesmedienanstalten, Zivil-, Straf- und Schutzgesetze machten zu allen Zeiten erwartbar, was man lesen, hören, sehen konnte.
Dadurch werden Medien zugleich aber auch zu verlässlichen Institutionen und zum vertrauten Teil des Alltags der Menschen und darüber wird auch dafür gesorgt, dass die Medien am gesellschaftlichen Rahmen immer nur kratzen, ihn aber fast nie fundamental in Frage stellen.
Neue Medien und neue Entwicklungen der alten Medien unterliegen solchen Regelungen oft erst einmal nicht, sie stiften Unruhe und sind deshalb immer schon verdächtig.
Die neue Möglichkeit zu Zeiten der Reformation, Flugblätter zu drucken und zu verbreiten, hat die katholische Kirche irritiert, die Rotationspresse und die Fotografie im 19.
Jahrhundert diente einer neuartigen politischen Öffentlichkeit und setzte den autoritären Staat unter Druck.
Was das Internet und die digitalen Medien alles möglich machen – da stecken wir derzeit mitten drin und das hängt auch davon ab, wie wir als Zivilgesellschaft damit umgehen.
Deshalb war und ist mit den Potenzialen neuer Medien verbunden, dass sie in Grenzbereicheder Gesellschaft vordringen oder Grenzen überschreiten.
Berichte aus den Kriegen des 19.
Jahrhunderts warfen die Frage auf, ob Soldaten Mörder sind, die Vorstellung, eine Frau wolleMedizin und Anatomie an der Universität studieren, galt als obszön und auf der anderen Seite wurde der Respekt vor dem Papst mit Feuer und Schwert aufrecht erhalten oder der Tatbestandder Majestätsbeleidigung polizeilich überwacht.
Vor allem die im christlichen Abendland so tabuisierte Sexualität ist mit jedem neuen Medium wieder ein Thema.
Casanova, Lolita und de Sade als Buchevents, Fotografien aus den Boudoirs der Damen, Schlüpfriges in den Journalen,Rotlichtabteilungen im Internet wurden und werden angeboten und nachgefragt.
Wer darfwas wissen, denken, sehen, fühlen, fantasieren und insbesondere, was passiert mit Kindern und Jugendlichen, wenn sie immer leichter Zugang zu sexuellen Informationen, Kontakten, Bildernund Fantasien haben? Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das vorliegende Heft mit Sexualität in den und Sexualisierung durch die elektronischen und elektrischen Medien von heute.
In Musik und Chats, im Fernsehen, per Handy und im Internet.
Wie bei allen neuen Medien werden Besorgnisse massiv thematisiert: All das verändere die Gehirnwellen (die offensichtlich unbedingt so bleiben müssen, wie sie sind), mache die Jugendlichen kaputt und leistungsfeindlich und führe zur Medien-, zur Jugend- und insbesondere zur sexuellen Verwahrlosung.
Das Argument für solche pauschalen Befürchtungen ist allerdings erst einmal das alte Missverständnis, bei dem Zugang und Wirkung verwechselt werden: Gewiss haben Jugendliche mit den digitalen Medien auf neue und leichte Weise Zugang zu sexuellen Inhalten, Bildern, Gedanken.
Die Frage ist aber, ob sie das von sich aus eigentlich interessiert, was sie damit machen und was sich daraus für sie selbst und für die Gesellschaft ergibt.
Drei Ebenen müssen hier unterschieden werden.
Erstens geht die Sexualisierung der Gesellschaft nicht von den Jugendlichen aus, sondern entsteht in der Gesellschaft der Erwachsenen und unter dem Diktat der Werbung.
Jugendliche, so die Studievon Dagmar Hoffmann, interessieren sich gerade deswegen für sexuelle Darstellungen im deutschen Fernsehen, weil sie erwarten, dass sie hier akzeptierte Formen von Sexualität vorgeführt bekommen, die Exzentrizitäten im Internet bleiben ihnen in der Regel eher fremd.
Dass es trotzdem gefährdete Gruppen gibt und dass Jugendliche sexuelle Darstellungen auch benutzen, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen, ändert daran nichts.
In eine ähnliche Richtung geht der Text von Wolfgang Reißmann, der die Bedeutung von Bildern, insbesondere von sexuellen Bildern im Leben von Jugendlichen untersucht.
Zweitens gehört es natürlich zu den Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen, sich ein Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität und zum je anderen Geschlecht zu erarbeiten.
Dass jeder, der im Internet unterwegs ist, an jeder Ecke in sexuell inszenierte Angebote hineingelockt werden oder sie mit dem berühmten Klick erreichen kann, dass Jugendliche bekanntlich auch im Internet häufig sexuell angemacht werden, dass die Handy- und Klingeltondienste aufdringlich Angebote nahe legen und deren Coolness behaupten, macht die Dinge für sie nicht leichter.
Auch dafür lassen sich die Texte von Hoffmann und Reißmann als Beleg anführen.
Darüber hinaus macht der Aufsatz von Michael Ahlers und Christoph Jacke deutlich, dass Popmusik und Musik, Emotion und Sex unter den Bedingungen von heute zusammen gehören; die beiden Autoren entwickeln ein Forschungsprogramm, mit dem solche Zusammenhänge untersucht werden können und setzen es in einzelnen Teilen mit Studentinnen und Studenten um.
Und schließlich drittens lässt sich aus all dem einmal mehr die Forderung ableiten, die Jugendlichen mit der Lösung ihrer Entwicklungsaufgaben auch auf diesem Gebiet nicht alleine zu lassen.
Fünf Praktikerinnen und Praktiker nehmen zu diesen Fragen Stellung und berichten aus ihrer Arbeit: Lukas Geiser von der Fachstelle für Sexualpädagogik in Zürich gibt einen Überblick über sexuelle Sozialisationsprozesse bei Jugendlichen, deren eigenen Umgang mit Angeboten sowie wichtige Rahmenbedingungen.
Barbara Flotho und Daniel Hajok setzen sich mit Pornografie in der Jugendarbeit auseinander, Johann Hartl vom pro familia Landesverband Bayern stellt die neuen Herausforderungen für die Sexualpädagogik dar und Arnfried Böker von der Landesstelle Kinder- und Jugendschutz in Sachsen-Anhalt berichtet abschließend von seinen praktischen Erfahrungen im Jugendschutz.
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