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In Liebe, Eure Hilde

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Berlin Tegel, September 1942: Hilde Coppi wird beim Erdbeerpflücken festgenommen. „Wie lange wird es dauern?“, fragt sie und folgt angsterfüllt, aber ruhig den Männern, die kurz zuvor das Laubengrundstück betreten haben, wo sie mit ihrem Mann Hans Coppi lebt. Mit diesen letzten Minuten in Freiheit beginnt im Film In Liebe, Eure Hilde die Geschichte Hilde Coppis, die in Rückblenden aus ihrer Haft im Frauengefängnis Barnimstraße erzählt wird. Es ist eine leise, aber umso eindringlichere Geschichte der Widerstandsgruppe Rote Kapelle, die in der DDR zum Kanon gehörte, im Westen aber aus ideologischen Gründen eher unbekannt ist: Hilde Coppi und die Rote Kapelle, eine nach Moskau funkende kommunistische Widerstandsgruppe gegen Hitler. In zwei Linien erzählen der Regisseur Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler die Geschichte einer Frau, die sehr bewusst Widerstand gegen die Nazis geleistet hat. Hilde Coppi (1909–1943) klebte Flugblätter, hörte Radio Moskau und gab Informationen weiter, setzte zusammen mit ihrem Mann Funksprüche in die Sowjetunion ab. Das Regime ahndete das mit der Todesstrafe. Liv Lisa Fries, bekannt aus Babylon Berlin, spielt Hilde, eine kluge junge Frau mit Brille, die sich in Hans (Johannes Hegemann) verliebt, der der Roten Kapelle angehört. Der Film beginnt mit ihrer Verhaftung, die sich mit Erinnerungen vermischt, die bis zur ersten Begegnung mit ihrem Mann reichen. Es ist eine Geschichte von jungen Menschen, die die Freiheit lieben und ganz normal leben wollen. Sie gehen baden, machen Ausflüge und verbringen ihre Freizeit beim Zelten. Viele Geschichten von Nazi-Gegner*innen sind fürs Kino dramatisiert worden, Filme über Sophie Scholl von der Weißen Rose, oder über die so unterschiedlichen Hitler-Attentäter Georg Elser und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Andreas Dresen beschäftigt sich mit einer beinahe vergessenen Widerstandskämpferin, die sich seiner Ansicht nach selbst wohl gar nicht so verstanden hat. Einer der Erzählstränge führt durch die Haftzeit, die für Hilde bedeutet, dass sie in einer dramatischen Geburt, unterstützt von einer mitfühlenden Hebamme (Fritzi Haberlandt), ihren Sohn zur Welt bringt, und daraufhin das zuerst schwächliche Kind versorgt und andere Mütter unterstützt. Am Ende hat Coppi Angst vor dem Sterben, so wie die rund ein Dutzend Frauen, die im Gefängnishof Berlin-Plötzensee in grauen Kitteln und Holzschuhen Schlange stehen für ihre eigene Hinrichtung. Angst vor dem Leben hat sie nicht mehr. Sie lehnt den Kopf zurück in die Sonne, die an diesem Augustabend 1943 gerade noch über die Mauer scheint. Die Geburt ihres Sohnes Hans gibt Coppi Stärke. „Bitte vergiss mich nicht. Und werd’ glücklich. Unbedingt“, sagt sie, als sie sich von dem acht Monate alten Kind verabschieden und es ihrer Gefängniswärterin in den Arm drücken muss. Von nun an werden sich die Großeltern um Hans kümmern. Die Gefangene bittet ihre Wärterin, unbedingt auszurichten, dass ihre Schwiegermutter die Regentonnen abdecken solle. Damit Hans nicht versehentlich hineinfällt. Diese Aufforderung ist überliefert wie so vieles in diesem genau recherchierten Film. Die Gefängniswärterin Kühn (Lisa Wagner) ist eine ambivalente Filmfigur. Zunächst ist sie ihrem Häftling gegenüber feindlich gestimmt. Dann lässt sie sich von Coppi anrühren. Nicht nur ihr geht das so: Ein Gestapomann offeriert Coppi ein Leberwurstbrot. Kein einziger schreiender Nazi weit und breit in diesem Film. Aber alle dienen, ohne zu zögern, dem Unterdrückungsapparat. „Es geht schnell“, hat der Pfarrer Harald Poelchau (Alexander Scheer) im Gefängnis gesagt. So schnell haben wir im Kino aber noch keine Hinrichtung ablaufen gesehen. Töten im Akkord: Mehr als 50 Mitglieder der Roten Kapelle wurden in Berlin-Plötzensee ermordet. Am Ende hören wir die Stimme von Hans Coppi Junior, dem im Gefängnis geborenen Sohn. Der heute 81 Jahre alte Historiker hat sich sein Leben lang mit dem Schicksal seiner Eltern beschäftigt. Nur ein einziger Funkspruch aus Berlin, so sagt er, sei damals nach Moskau durchgekommen: „1000 Grüße an alle Freunde.“ Aber schmälert das den Mut seiner Eltern? Günther Anfang ist freiberuflicher Medienpädagoge.   In Liebe, Eure Hilde Deutschland 2024, 124 Minuten, Regie: Andreas Dresen, Buch: Laila Stieler, Darstellende: Lisa Fries, Johannes Hegemann
Title: In Liebe, Eure Hilde
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Berlin Tegel, September 1942: Hilde Coppi wird beim Erdbeerpflücken festgenommen.
„Wie lange wird es dauern?“, fragt sie und folgt angsterfüllt, aber ruhig den Männern, die kurz zuvor das Laubengrundstück betreten haben, wo sie mit ihrem Mann Hans Coppi lebt.
Mit diesen letzten Minuten in Freiheit beginnt im Film In Liebe, Eure Hilde die Geschichte Hilde Coppis, die in Rückblenden aus ihrer Haft im Frauengefängnis Barnimstraße erzählt wird.
Es ist eine leise, aber umso eindringlichere Geschichte der Widerstandsgruppe Rote Kapelle, die in der DDR zum Kanon gehörte, im Westen aber aus ideologischen Gründen eher unbekannt ist: Hilde Coppi und die Rote Kapelle, eine nach Moskau funkende kommunistische Widerstandsgruppe gegen Hitler.
In zwei Linien erzählen der Regisseur Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler die Geschichte einer Frau, die sehr bewusst Widerstand gegen die Nazis geleistet hat.
Hilde Coppi (1909–1943) klebte Flugblätter, hörte Radio Moskau und gab Informationen weiter, setzte zusammen mit ihrem Mann Funksprüche in die Sowjetunion ab.
Das Regime ahndete das mit der Todesstrafe.
Liv Lisa Fries, bekannt aus Babylon Berlin, spielt Hilde, eine kluge junge Frau mit Brille, die sich in Hans (Johannes Hegemann) verliebt, der der Roten Kapelle angehört.
Der Film beginnt mit ihrer Verhaftung, die sich mit Erinnerungen vermischt, die bis zur ersten Begegnung mit ihrem Mann reichen.
Es ist eine Geschichte von jungen Menschen, die die Freiheit lieben und ganz normal leben wollen.
Sie gehen baden, machen Ausflüge und verbringen ihre Freizeit beim Zelten.
Viele Geschichten von Nazi-Gegner*innen sind fürs Kino dramatisiert worden, Filme über Sophie Scholl von der Weißen Rose, oder über die so unterschiedlichen Hitler-Attentäter Georg Elser und Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Andreas Dresen beschäftigt sich mit einer beinahe vergessenen Widerstandskämpferin, die sich seiner Ansicht nach selbst wohl gar nicht so verstanden hat.
Einer der Erzählstränge führt durch die Haftzeit, die für Hilde bedeutet, dass sie in einer dramatischen Geburt, unterstützt von einer mitfühlenden Hebamme (Fritzi Haberlandt), ihren Sohn zur Welt bringt, und daraufhin das zuerst schwächliche Kind versorgt und andere Mütter unterstützt.
Am Ende hat Coppi Angst vor dem Sterben, so wie die rund ein Dutzend Frauen, die im Gefängnishof Berlin-Plötzensee in grauen Kitteln und Holzschuhen Schlange stehen für ihre eigene Hinrichtung.
Angst vor dem Leben hat sie nicht mehr.
Sie lehnt den Kopf zurück in die Sonne, die an diesem Augustabend 1943 gerade noch über die Mauer scheint.
Die Geburt ihres Sohnes Hans gibt Coppi Stärke.
„Bitte vergiss mich nicht.
Und werd’ glücklich.
Unbedingt“, sagt sie, als sie sich von dem acht Monate alten Kind verabschieden und es ihrer Gefängniswärterin in den Arm drücken muss.
Von nun an werden sich die Großeltern um Hans kümmern.
Die Gefangene bittet ihre Wärterin, unbedingt auszurichten, dass ihre Schwiegermutter die Regentonnen abdecken solle.
Damit Hans nicht versehentlich hineinfällt.
Diese Aufforderung ist überliefert wie so vieles in diesem genau recherchierten Film.
Die Gefängniswärterin Kühn (Lisa Wagner) ist eine ambivalente Filmfigur.
Zunächst ist sie ihrem Häftling gegenüber feindlich gestimmt.
Dann lässt sie sich von Coppi anrühren.
Nicht nur ihr geht das so: Ein Gestapomann offeriert Coppi ein Leberwurstbrot.
Kein einziger schreiender Nazi weit und breit in diesem Film.
Aber alle dienen, ohne zu zögern, dem Unterdrückungsapparat.
„Es geht schnell“, hat der Pfarrer Harald Poelchau (Alexander Scheer) im Gefängnis gesagt.
So schnell haben wir im Kino aber noch keine Hinrichtung ablaufen gesehen.
Töten im Akkord: Mehr als 50 Mitglieder der Roten Kapelle wurden in Berlin-Plötzensee ermordet.
Am Ende hören wir die Stimme von Hans Coppi Junior, dem im Gefängnis geborenen Sohn.
Der heute 81 Jahre alte Historiker hat sich sein Leben lang mit dem Schicksal seiner Eltern beschäftigt.
Nur ein einziger Funkspruch aus Berlin, so sagt er, sei damals nach Moskau durchgekommen: „1000 Grüße an alle Freunde.
“ Aber schmälert das den Mut seiner Eltern? Günther Anfang ist freiberuflicher Medienpädagoge.
  In Liebe, Eure Hilde Deutschland 2024, 124 Minuten, Regie: Andreas Dresen, Buch: Laila Stieler, Darstellende: Lisa Fries, Johannes Hegemann.

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