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Karl Corino, Robert Musil. Eine Biographie. 2003 – Herbert Kraft, Musil. 2003

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Musils geniale Erfindung der Parallelaktion wirkt sich offensichtlich auch immer wieder in der Musil-Forschung aus. Nicht nur daß man lange Zeit die Herausgabe des Nachlasses in Parallelaktionen betrieb, auch Musils Biographie, die schon lange einer wissenschaftlichen Darstellung harrt, kommt jetzt gleich zweimal, wenn auch in unterschiedlicher Qualität auf den Markt. Wenn Corinos Biographie auf jahrzehnte-, ja lebenslangen Recherchen, auf der Suche nach Quellen, auf Kontakten mit Zeitgenossen Musils und auf umfangreichen Archivstudien basiert, so die Parallelaktion Krafts auf unkritisch rezipierten und willkürlich ausgewählten Sekundär- und Tertiärquellen. Weist Corino jedes Detail nach, recherchiert selbst Lebensdaten von Nebenpersonen, erklärt, in welchem Kontext die zitierten Quellen zu sehen sind, so fehlen bei Kraft die Nachweise für Zitate aus Musils Werk immer und auch sonst ist man oft aufs Raten angewiesen, woher die Zitate stammen. Dafür ist der Hochschullehrer stark, wenn es um das Verteilen von Zensuren geht und um Charakterisierungen ohne Belege. Wenn der langjährige Redakteur der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks sich an wissenschaftliche Standards hält, Archive durchforscht und sich bei Ärzten erkundigt, wie die Krankheiten Musils in Bezug auf Symptome und Gefährlichkeit einzuschätzen sind, so geht der Universitätsprofessor Kraft wie ein Journalist vor, der willkürlich herausgegriffene Zitate zu einem Porträt zusammensetzt, das sich ungefähr so ausnimmt wie Porträts in der Boulevardpresse, wo vor allem negative Züge einer Person hervorgehoben werden. Der Musil-Forscher beziehungsweise die Musil-Forscherin fragt sich, zu welchem Zweck Krafts Buch überhaupt geschrieben wurde. Es bietet weder neue Einblicke in Musils Texte noch in seine Biographie. Nach dem Klappentext zu schließen, scheint das Buch für ein größeres Publikum bestimmt zu sein, ist aber in einem hegelianisch unverständlichen Stil geschrieben. Wie man eine intelligente, wissenschaftlich fundierte und erst noch spannend zu lesende Biographie schreiben kann, zeigt die von Corino, welche zudem mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, einer ausführlichen Tafel mit Lebensdaten und einem Register sowie drei komfortablen Lesezeichenfäden ausgestattet ist. Die Parallelaktion ist noch nicht zu Ende, sie muß leider in der vorliegenden Rezension fortgeführt werden, obwohl es nicht ganz leicht ist, Bücher von so unterschiedlicher wissenschaftlicher Qualität vergleichend zu besprechen. Man ist leicht versucht, dem schlechteren zu viel Gewicht zu geben.
Walter de Gruyter GmbH
Title: Karl Corino, Robert Musil. Eine Biographie. 2003 – Herbert Kraft, Musil. 2003
Description:
Musils geniale Erfindung der Parallelaktion wirkt sich offensichtlich auch immer wieder in der Musil-Forschung aus.
Nicht nur daß man lange Zeit die Herausgabe des Nachlasses in Parallelaktionen betrieb, auch Musils Biographie, die schon lange einer wissenschaftlichen Darstellung harrt, kommt jetzt gleich zweimal, wenn auch in unterschiedlicher Qualität auf den Markt.
Wenn Corinos Biographie auf jahrzehnte-, ja lebenslangen Recherchen, auf der Suche nach Quellen, auf Kontakten mit Zeitgenossen Musils und auf umfangreichen Archivstudien basiert, so die Parallelaktion Krafts auf unkritisch rezipierten und willkürlich ausgewählten Sekundär- und Tertiärquellen.
Weist Corino jedes Detail nach, recherchiert selbst Lebensdaten von Nebenpersonen, erklärt, in welchem Kontext die zitierten Quellen zu sehen sind, so fehlen bei Kraft die Nachweise für Zitate aus Musils Werk immer und auch sonst ist man oft aufs Raten angewiesen, woher die Zitate stammen.
Dafür ist der Hochschullehrer stark, wenn es um das Verteilen von Zensuren geht und um Charakterisierungen ohne Belege.
Wenn der langjährige Redakteur der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks sich an wissenschaftliche Standards hält, Archive durchforscht und sich bei Ärzten erkundigt, wie die Krankheiten Musils in Bezug auf Symptome und Gefährlichkeit einzuschätzen sind, so geht der Universitätsprofessor Kraft wie ein Journalist vor, der willkürlich herausgegriffene Zitate zu einem Porträt zusammensetzt, das sich ungefähr so ausnimmt wie Porträts in der Boulevardpresse, wo vor allem negative Züge einer Person hervorgehoben werden.
Der Musil-Forscher beziehungsweise die Musil-Forscherin fragt sich, zu welchem Zweck Krafts Buch überhaupt geschrieben wurde.
Es bietet weder neue Einblicke in Musils Texte noch in seine Biographie.
Nach dem Klappentext zu schließen, scheint das Buch für ein größeres Publikum bestimmt zu sein, ist aber in einem hegelianisch unverständlichen Stil geschrieben.
Wie man eine intelligente, wissenschaftlich fundierte und erst noch spannend zu lesende Biographie schreiben kann, zeigt die von Corino, welche zudem mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, einer ausführlichen Tafel mit Lebensdaten und einem Register sowie drei komfortablen Lesezeichenfäden ausgestattet ist.
Die Parallelaktion ist noch nicht zu Ende, sie muß leider in der vorliegenden Rezension fortgeführt werden, obwohl es nicht ganz leicht ist, Bücher von so unterschiedlicher wissenschaftlicher Qualität vergleichend zu besprechen.
Man ist leicht versucht, dem schlechteren zu viel Gewicht zu geben.

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