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Zuhören und Zusammenleben im Zeichen der Gastfreundschaft
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Der vorliegende Artikel bietet eine Präsentation und Diskussion von Donatella Di Cesares Philosophie der Migration sowie Vorschläge zu deren praxisnaher Weiterentwicklung.
(1) Zunächst wird (1.1) Di Cesares doppelte Perspektivenumkehr vorgestellt, welche (1.2) die biblische Figur des ger, des ansässigen Fremden, ins Zentrum rückt, sowie (1.3) ihr Kernbegriff der Kohabitation: das gleichberechtigte Miteinander-Wohnen von Migrant*innen und Staatsbürger*innen.
(2) Sodann folgt die Diskussion der obengenannten Vision: Einerseits hat das Vorbild des ger einen egalisierenden Effekt, weil die Rollen von Gast und Gastgeber in jedem Menschen vereint sind. (2.1) Andererseits überspannt Di Cesares Interpretation das, was der biblische Begriff ger philologisch und historisch hergibt. Dessen theo-politische Implikationen (Anpassungspflicht an die Mehrheitsreligion) ignoriert sie. (2.2) Di Cesares Romantisierung existenzieller Heimatlosigkeit basiert m.E. auf einer einseitigen Heidegger-Lektüre, die es schwer macht, für die Notwendigkeit eines neuen Zuhauses für die Zugewanderten zu argumentieren. (2.3) Di Cesares politische ‚An-Archie‘, die sich von allen Ursprungsmythen verabschiedet, welche staatliche Souveränität begründen sollen, setzt stattdessen auf Ursprungslosigkeit, den Verzicht auf ein begründendes Prinzip, um dadurch den Unterschied zwischen Staatsbürger*innen und staatenlosen Flüchtlingen zu minimieren. Di Cesares Vision, die derzeit politisch in den bestehenden Demokratien nicht umsetzbar ist, wird der an-archischen Ethik von Levinas gegenübergestellt.
(3) Der vorliegende Beitrag fragt schließlich, welche Elemente von Di Cesares Skizze einer besseren Zukunft im Kontext multikultureller und -religiöser Kohabitation schon jetzt realisiert werden können und welche ggf. modifiziert werden müssen: (3.1) Derrida folgend definiert Di Cesare Gastfreundschaft als reine Offenheit gegenüber unerwarteten Ankömmlingen. In Verlängerung dessen rücke ich das Zuhören als zentrale Geste der Gastfreundschaft ins Blickfeld – eine nicht nur ethische, sondern auch eminent politische Geste, die kein Geld kostet, aber unerlässlich ist für alle demokratischen Prozesse und für jegliche Realisierung einer guten Nachbarschaft. (3.2) Das Gegenteil der im Zuhören zum Tragen kommenden Offenheit sind verschlossene Grenzen zwischen Menschen, Staaten und Ideologien. Daher untersuche ich auch die von Di Cesare hervorgehobene Dynamik semantischer, realpolitischer und identitätstransformierender Grenzüberschreitungsprozesse. (3.3) Di Cesare behauptet, die gewaltsame Aneignung von Wohnraum habe nicht nur zur Errichtung von Grenzen geführt, sondern sei auch die Ursache der heutigen ökologischen Krise. Daher wird schließlich der spannungsvolle Zusammenhang ihrer Migrationsphilosophie mit der Umweltethik verdeutlicht, indem er mit Bonhoeffers Zugang zur Welt kontrastiert wird.
Title: Zuhören und Zusammenleben im Zeichen der Gastfreundschaft
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Der vorliegende Artikel bietet eine Präsentation und Diskussion von Donatella Di Cesares Philosophie der Migration sowie Vorschläge zu deren praxisnaher Weiterentwicklung.
(1) Zunächst wird (1.
1) Di Cesares doppelte Perspektivenumkehr vorgestellt, welche (1.
2) die biblische Figur des ger, des ansässigen Fremden, ins Zentrum rückt, sowie (1.
3) ihr Kernbegriff der Kohabitation: das gleichberechtigte Miteinander-Wohnen von Migrant*innen und Staatsbürger*innen.
(2) Sodann folgt die Diskussion der obengenannten Vision: Einerseits hat das Vorbild des ger einen egalisierenden Effekt, weil die Rollen von Gast und Gastgeber in jedem Menschen vereint sind.
(2.
1) Andererseits überspannt Di Cesares Interpretation das, was der biblische Begriff ger philologisch und historisch hergibt.
Dessen theo-politische Implikationen (Anpassungspflicht an die Mehrheitsreligion) ignoriert sie.
(2.
2) Di Cesares Romantisierung existenzieller Heimatlosigkeit basiert m.
E.
auf einer einseitigen Heidegger-Lektüre, die es schwer macht, für die Notwendigkeit eines neuen Zuhauses für die Zugewanderten zu argumentieren.
(2.
3) Di Cesares politische ‚An-Archie‘, die sich von allen Ursprungsmythen verabschiedet, welche staatliche Souveränität begründen sollen, setzt stattdessen auf Ursprungslosigkeit, den Verzicht auf ein begründendes Prinzip, um dadurch den Unterschied zwischen Staatsbürger*innen und staatenlosen Flüchtlingen zu minimieren.
Di Cesares Vision, die derzeit politisch in den bestehenden Demokratien nicht umsetzbar ist, wird der an-archischen Ethik von Levinas gegenübergestellt.
(3) Der vorliegende Beitrag fragt schließlich, welche Elemente von Di Cesares Skizze einer besseren Zukunft im Kontext multikultureller und -religiöser Kohabitation schon jetzt realisiert werden können und welche ggf.
modifiziert werden müssen: (3.
1) Derrida folgend definiert Di Cesare Gastfreundschaft als reine Offenheit gegenüber unerwarteten Ankömmlingen.
In Verlängerung dessen rücke ich das Zuhören als zentrale Geste der Gastfreundschaft ins Blickfeld – eine nicht nur ethische, sondern auch eminent politische Geste, die kein Geld kostet, aber unerlässlich ist für alle demokratischen Prozesse und für jegliche Realisierung einer guten Nachbarschaft.
(3.
2) Das Gegenteil der im Zuhören zum Tragen kommenden Offenheit sind verschlossene Grenzen zwischen Menschen, Staaten und Ideologien.
Daher untersuche ich auch die von Di Cesare hervorgehobene Dynamik semantischer, realpolitischer und identitätstransformierender Grenzüberschreitungsprozesse.
(3.
3) Di Cesare behauptet, die gewaltsame Aneignung von Wohnraum habe nicht nur zur Errichtung von Grenzen geführt, sondern sei auch die Ursache der heutigen ökologischen Krise.
Daher wird schließlich der spannungsvolle Zusammenhang ihrer Migrationsphilosophie mit der Umweltethik verdeutlicht, indem er mit Bonhoeffers Zugang zur Welt kontrastiert wird.
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