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Carolin Overhoff Ferreira: Dekoloniale Kunstgeschichte. Eine Methodische Einführung, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2023, 300 S. ISBN 978-3-422-98758-6
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Carolin Overhoff Ferreiras vorliegende Monografie ist eine übersetzte und erweiterte Fassung ihres bereits 2019 erschienene Bandes Introdução Brasileira à Teoria, História e Crítica das Artes (Brasilianische Einleitung in die Theorie, Geschichte
und Kritik der Künste), der ebenfalls in englischer Sprache als Decolonial Introduction to the Theory, History and Criticism of the Arts (2019) veröffentlicht wurde. Dabei widmet sie sich in acht Kapiteln zentralen wissenschaftstheoretischen Fragen der Kunstgeschichte, wobei
deutlich wird, dass das Bemühen um eine dekoloniale Kunstgeschichte immer nur indisziplinär (um hier einen Neologismus Jacques Rancières zu bemühen, den die Autorin wiederholt aufgreift) funktionieren kann. Die Kapitel sind angeordnet als Antworten auf konkrete Fragen,
etwa ,,Wie stehen Philosophie und Theologie zur Kunst und ihrem Machtpotenzial?“ (Viertes Kapitel) oder ,,Was ist die Beziehung zwischen den verschiedenen Geschichtsmodellen, Kunst und ihrem Studium?“ (Fünftes Kapitel), wobei jedes Kapitel mit einer didaktischen Zusammenfassung
der Hauptthesen der Autorin endet. Vielsagend ist bereits das Cover des Buches, in dessen Zentrum die Mona Lisa Kunhã des indigenen Künstlers Denilson Baniwa steht. Baniwa situiert Leonardo’s ikonische Mona Lisa in eine Umgebung mit tropischer Vegetation. Ihre
blasse Haut zieren nun Tätowierungen in indigener Formensprache und sie trägt eine rosa Blume in ihrem schwarzen Haar. In der Hand trägt sie hölzerne Utensilien, die sowohl auf das Handwerkszeug eine*r Maler*in als auch auf in indigenen Kulturen gebräuchliche Speere
anspielen. Im Hintergrund ist eine pyramidenartige Behausung erkennbar. Mit Bezug auf Overhoff Ferreira könnte diese auch als Referenz auf das Ignorieren ägyptischer Kunstproduktion in der eurozentrisch geprägten Kunstgeschichtsschreibung interpretiert werden. Denn so macht
die Autorin die Hellenisierung, die sie als ,,Hierarchisierung der nichtsichtbaren gegenüber der sichtbaren Welt“ (S. 9) beschreibt, für die zunehmende Ignoranz, gar Zerstörung, ,,außereuropäische[r] Kosmologien“ (S. 8)
verantwortlich. So diene der Fokus auf die griechische Antike unter anderem auch dazu, die hegemonialen Narrative einer überlegenen europäischen Kunstproduktion aufrechtzuerhalten anstatt die Relevanz außereuropäischer Kunstproduktion anzuerkennen. Der über die Abbildung
der Mona Lisa Kunhã gesetzte Buchtitel ,,Dekoloniale Kunstgeschichte“ ist in zwei verschiedenen Farben gedruckt. Das Präfix ,,De“ und der Wortstamm ,,Geschichte“ im Kompositum Kunstgeschichte ist in braun gedruckt, so dass der Eindruck evoziert wird, der
eigentlich Titel lautet ,,Koloniale Kunst“, da diese Wortteile in schwarzer Farbe hervorgehoben werden. Möglicherweise ist dies auch der passendere Titel. Denn in diesem Band werden vielmehr die kolonialen Kontexte der künstlerischen Produktion sowie der ästhetischen Betrachtung
herausgearbeitet, als die Methoden einer dekolonialen Kunstgeschichte skizziert. Letzteres wäre, wenn wir Overhoff Ferreira ernstnehmen, eigentlich auch ein absurdes Unterfangen, da dekoloniale Perspektiven sich immer auch als Ausdruck des ,,Widerstands“ (S. 23) manifestieren
und dementsprechend dem der Kunstgeschichte zugrunde liegendem teleologischen Geschichtsbegriff subversiv begegnen müssten. Auch wenn sich Kunstgeschichte jüngst immer mehr als eine ,,Kunstwissenschaft“ oder auch ,,Bildwissenschaft“ etabliert hat, wurden dadurch die kolonialen
historischen Verstrickungen dieser Disziplin nicht aufgelöst.
Title: Carolin Overhoff Ferreira: Dekoloniale Kunstgeschichte. Eine Methodische Einführung, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2023, 300 S. ISBN 978-3-422-98758-6
Description:
Carolin Overhoff Ferreiras vorliegende Monografie ist eine übersetzte und erweiterte Fassung ihres bereits 2019 erschienene Bandes Introdução Brasileira à Teoria, História e Crítica das Artes (Brasilianische Einleitung in die Theorie, Geschichte
und Kritik der Künste), der ebenfalls in englischer Sprache als Decolonial Introduction to the Theory, History and Criticism of the Arts (2019) veröffentlicht wurde.
Dabei widmet sie sich in acht Kapiteln zentralen wissenschaftstheoretischen Fragen der Kunstgeschichte, wobei
deutlich wird, dass das Bemühen um eine dekoloniale Kunstgeschichte immer nur indisziplinär (um hier einen Neologismus Jacques Rancières zu bemühen, den die Autorin wiederholt aufgreift) funktionieren kann.
Die Kapitel sind angeordnet als Antworten auf konkrete Fragen,
etwa ,,Wie stehen Philosophie und Theologie zur Kunst und ihrem Machtpotenzial?“ (Viertes Kapitel) oder ,,Was ist die Beziehung zwischen den verschiedenen Geschichtsmodellen, Kunst und ihrem Studium?“ (Fünftes Kapitel), wobei jedes Kapitel mit einer didaktischen Zusammenfassung
der Hauptthesen der Autorin endet.
Vielsagend ist bereits das Cover des Buches, in dessen Zentrum die Mona Lisa Kunhã des indigenen Künstlers Denilson Baniwa steht.
Baniwa situiert Leonardo’s ikonische Mona Lisa in eine Umgebung mit tropischer Vegetation.
Ihre
blasse Haut zieren nun Tätowierungen in indigener Formensprache und sie trägt eine rosa Blume in ihrem schwarzen Haar.
In der Hand trägt sie hölzerne Utensilien, die sowohl auf das Handwerkszeug eine*r Maler*in als auch auf in indigenen Kulturen gebräuchliche Speere
anspielen.
Im Hintergrund ist eine pyramidenartige Behausung erkennbar.
Mit Bezug auf Overhoff Ferreira könnte diese auch als Referenz auf das Ignorieren ägyptischer Kunstproduktion in der eurozentrisch geprägten Kunstgeschichtsschreibung interpretiert werden.
Denn so macht
die Autorin die Hellenisierung, die sie als ,,Hierarchisierung der nichtsichtbaren gegenüber der sichtbaren Welt“ (S.
9) beschreibt, für die zunehmende Ignoranz, gar Zerstörung, ,,außereuropäische[r] Kosmologien“ (S.
8)
verantwortlich.
So diene der Fokus auf die griechische Antike unter anderem auch dazu, die hegemonialen Narrative einer überlegenen europäischen Kunstproduktion aufrechtzuerhalten anstatt die Relevanz außereuropäischer Kunstproduktion anzuerkennen.
Der über die Abbildung
der Mona Lisa Kunhã gesetzte Buchtitel ,,Dekoloniale Kunstgeschichte“ ist in zwei verschiedenen Farben gedruckt.
Das Präfix ,,De“ und der Wortstamm ,,Geschichte“ im Kompositum Kunstgeschichte ist in braun gedruckt, so dass der Eindruck evoziert wird, der
eigentlich Titel lautet ,,Koloniale Kunst“, da diese Wortteile in schwarzer Farbe hervorgehoben werden.
Möglicherweise ist dies auch der passendere Titel.
Denn in diesem Band werden vielmehr die kolonialen Kontexte der künstlerischen Produktion sowie der ästhetischen Betrachtung
herausgearbeitet, als die Methoden einer dekolonialen Kunstgeschichte skizziert.
Letzteres wäre, wenn wir Overhoff Ferreira ernstnehmen, eigentlich auch ein absurdes Unterfangen, da dekoloniale Perspektiven sich immer auch als Ausdruck des ,,Widerstands“ (S.
23) manifestieren
und dementsprechend dem der Kunstgeschichte zugrunde liegendem teleologischen Geschichtsbegriff subversiv begegnen müssten.
Auch wenn sich Kunstgeschichte jüngst immer mehr als eine ,,Kunstwissenschaft“ oder auch ,,Bildwissenschaft“ etabliert hat, wurden dadurch die kolonialen
historischen Verstrickungen dieser Disziplin nicht aufgelöst.
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