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Filme für‘s Leben?!
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Anhand des Spielfilms The Others (Regie Alejandro Amenábar, 2001) entwickelt die vorliegende empirische Studie fünf Typen der Rezeption durch Jugendliche. Der Autor befasst sich vor allem mit dem Typus der „produktiven Aneignung“, bei dem sich habituelle Orientierungen der Jugendlichen in wichtigen Komponenten verändern. Das Buch ist zugleich Geimers Dissertation, die er 2009 an derFreien Universität Berlin vorgelegt hat. Offen interviewt wurden 14 Jugendliche im Alter von 18 bis 22 Jahren: nicht nur zum genannten Film, sondern auch zu ihrem Umgang mit Filmen allgemein. Den Film The Others haben die Jugendlichen zudem schriftlich nacherzählt, ergänzt um den persönlichen Eindruck und das eigene Urteil. Geimer hat die Nacherzählungen und die Interviews bei der Auswertung jeweils aufeinander bezogen (ausgewertet wurde mittels der dokumentarischen Methode). Gestützt auf die praxeologische Wissenssoziologie Ralf Bohnsacks versteht Geimer das Medium „Film als Ressource zur Welterfahrung“ (S. 101). Sie wird wirksam, wenn die von einem Film inszenierte Praxis von Jugendlichen verknüpft wird mit ihrer Alltagspraxis und ihren eigenen Orientierungen.
Ausführlich referiert und diskutiert Geimer Konzepte zur Zuschaueraktivität, vor allem (sozial‑)konstruktivistische Ansätze (kognitive Filmpsychologie, systemtheoretische Rezeptionsforschung und Cultural Studies). Er richtet diese Darstellung schon an ersten, grundlegenden Ergebnissenseiner Interviewanalyse aus. Deshalb kritisiert er einen zu weit gefassten theoretischen Aneignungsbegriff, der dazu tendiert, jeden Gebrauch von Filmen im Alltag als Aneignung zu bezeichnen – auch, wenn etwa ein Kinobesuch nur äußerer Anlass für soziale Kontakte ist. Wie verändern sich dagegen beim Typus der „produktiven Aneignung“ grundlegende Erfahrungs- und Wissensstrukturen? Geimer rekonstruiert anhand der Filmnacherzählung eines Jugendlichen, wie dieser sich dadurch „auch an eigenen Problemlagen [..] abarbeitet“ (S. 165). Wie der Jugendliche im Interview immer wieder betont, versucht er „‘Metaphern‘ aus dem Film zu ziehen“ (ebd.), mittels derer er seinen eigenen Alltag beobachten kann. Solche im Zuge der Rezeption entstehenden Metaphorisierungen können laut Geimer „neues Wissen generieren“, so dass sich „die eigene Situation neu und anders fassen lässt“ (ebd.). Werden vorhandene Erfahrungs- und Wissensstrukturen durch den Film nur gespiegelt, spricht Geimer von einer „reproduktiven Aneignung“. Werden Spezialdiskurse, etwa zur Filmgeschichte oder Filmästhetik geführt, um den Film zu verorten, entspricht dies dem Typus einer „ästhetisierenden Formalisierung“. Eine „polyseme Interpretation“ nennt Geimer es, wenn auf allgemein präsentes Weltwissen und den Common Sense zurück-gegriffen wird. Der fünfte Typus heißt „konjunktive Abgrenzung“ (angelehnt an die Sprache der Wissenssoziologie): Hier werden eigene Erfahrungs- und Wissensstrukturen gegenüber den Orientierungen des Films betont. Es ist zu beachten, dass sich diese Idealtypen inder Rezeptionspraxis ein und derselben Person sowohl vermischen als auch ablösen können. Die produktive Aneignung wird von Geimer als eine ästhetische Erfahrung begriffen, die von den Erfahrungen des Alltags abhebt und dieeinen spontanen und impliziten Bildungsprozess anstoßen kann. Geimer diskutiert dazu einige Konzepte ästhetischer Erfahrung und geht zur weiteren Klärung vor allem ein auf das Mimesis-Konzept von Christoph Wulf und Gunter Gebauer. Damit versteht er produktive Aneignung als einen Prozess der Kreation von Neuem.
Insgesamt überzeugt Geimers theoretische Diskussion, die er eng an seine empirische Analyse anknüpft. Die bildungstheoretischen Aspekte stellen eher einen Ausgriff auf eine weiter zuführende Debatte dar. Von empirischer Seite aus wäre dazu die Art der produktiven Aneignung detaillierter zu erforschen (worauf Geimer auch selbst hinweist): etwa mit Blick auf kollektive Aneignung, auf Dauer und Nachhaltigkeit derVeränderungen oder im Hinblick auf bestimmte Milieus – bei der jetzigen Studie hatten die meisten Interviewten Abitur.Methodisch handelt es sich um eine reflektierte Untersuchung. Eingehender ließe sich aber diskutieren, dass Geimer bewusst auf eine Produktanalyse des Films The Others verzichtet. Er nimmt an, dass Praktiken der Rezeption habitualisiert und deshalb vom speziellen Film gelöst sind. Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich auf fundierter theoretischer und empirischer Basis für Praktiken der Filmrezeption und ‑aneignung interessieren. Durch die bildungstheoretische Reflexion der Ergebnisse kann es zudem eine (medien‑)pädagogische Diskussion anregen.
Title: Filme für‘s Leben?!
Description:
Anhand des Spielfilms The Others (Regie Alejandro Amenábar, 2001) entwickelt die vorliegende empirische Studie fünf Typen der Rezeption durch Jugendliche.
Der Autor befasst sich vor allem mit dem Typus der „produktiven Aneignung“, bei dem sich habituelle Orientierungen der Jugendlichen in wichtigen Komponenten verändern.
Das Buch ist zugleich Geimers Dissertation, die er 2009 an derFreien Universität Berlin vorgelegt hat.
Offen interviewt wurden 14 Jugendliche im Alter von 18 bis 22 Jahren: nicht nur zum genannten Film, sondern auch zu ihrem Umgang mit Filmen allgemein.
Den Film The Others haben die Jugendlichen zudem schriftlich nacherzählt, ergänzt um den persönlichen Eindruck und das eigene Urteil.
Geimer hat die Nacherzählungen und die Interviews bei der Auswertung jeweils aufeinander bezogen (ausgewertet wurde mittels der dokumentarischen Methode).
Gestützt auf die praxeologische Wissenssoziologie Ralf Bohnsacks versteht Geimer das Medium „Film als Ressource zur Welterfahrung“ (S.
101).
Sie wird wirksam, wenn die von einem Film inszenierte Praxis von Jugendlichen verknüpft wird mit ihrer Alltagspraxis und ihren eigenen Orientierungen.
Ausführlich referiert und diskutiert Geimer Konzepte zur Zuschaueraktivität, vor allem (sozial‑)konstruktivistische Ansätze (kognitive Filmpsychologie, systemtheoretische Rezeptionsforschung und Cultural Studies).
Er richtet diese Darstellung schon an ersten, grundlegenden Ergebnissenseiner Interviewanalyse aus.
Deshalb kritisiert er einen zu weit gefassten theoretischen Aneignungsbegriff, der dazu tendiert, jeden Gebrauch von Filmen im Alltag als Aneignung zu bezeichnen – auch, wenn etwa ein Kinobesuch nur äußerer Anlass für soziale Kontakte ist.
Wie verändern sich dagegen beim Typus der „produktiven Aneignung“ grundlegende Erfahrungs- und Wissensstrukturen? Geimer rekonstruiert anhand der Filmnacherzählung eines Jugendlichen, wie dieser sich dadurch „auch an eigenen Problemlagen [.
] abarbeitet“ (S.
165).
Wie der Jugendliche im Interview immer wieder betont, versucht er „‘Metaphern‘ aus dem Film zu ziehen“ (ebd.
), mittels derer er seinen eigenen Alltag beobachten kann.
Solche im Zuge der Rezeption entstehenden Metaphorisierungen können laut Geimer „neues Wissen generieren“, so dass sich „die eigene Situation neu und anders fassen lässt“ (ebd.
).
Werden vorhandene Erfahrungs- und Wissensstrukturen durch den Film nur gespiegelt, spricht Geimer von einer „reproduktiven Aneignung“.
Werden Spezialdiskurse, etwa zur Filmgeschichte oder Filmästhetik geführt, um den Film zu verorten, entspricht dies dem Typus einer „ästhetisierenden Formalisierung“.
Eine „polyseme Interpretation“ nennt Geimer es, wenn auf allgemein präsentes Weltwissen und den Common Sense zurück-gegriffen wird.
Der fünfte Typus heißt „konjunktive Abgrenzung“ (angelehnt an die Sprache der Wissenssoziologie): Hier werden eigene Erfahrungs- und Wissensstrukturen gegenüber den Orientierungen des Films betont.
Es ist zu beachten, dass sich diese Idealtypen inder Rezeptionspraxis ein und derselben Person sowohl vermischen als auch ablösen können.
Die produktive Aneignung wird von Geimer als eine ästhetische Erfahrung begriffen, die von den Erfahrungen des Alltags abhebt und dieeinen spontanen und impliziten Bildungsprozess anstoßen kann.
Geimer diskutiert dazu einige Konzepte ästhetischer Erfahrung und geht zur weiteren Klärung vor allem ein auf das Mimesis-Konzept von Christoph Wulf und Gunter Gebauer.
Damit versteht er produktive Aneignung als einen Prozess der Kreation von Neuem.
Insgesamt überzeugt Geimers theoretische Diskussion, die er eng an seine empirische Analyse anknüpft.
Die bildungstheoretischen Aspekte stellen eher einen Ausgriff auf eine weiter zuführende Debatte dar.
Von empirischer Seite aus wäre dazu die Art der produktiven Aneignung detaillierter zu erforschen (worauf Geimer auch selbst hinweist): etwa mit Blick auf kollektive Aneignung, auf Dauer und Nachhaltigkeit derVeränderungen oder im Hinblick auf bestimmte Milieus – bei der jetzigen Studie hatten die meisten Interviewten Abitur.
Methodisch handelt es sich um eine reflektierte Untersuchung.
Eingehender ließe sich aber diskutieren, dass Geimer bewusst auf eine Produktanalyse des Films The Others verzichtet.
Er nimmt an, dass Praktiken der Rezeption habitualisiert und deshalb vom speziellen Film gelöst sind.
Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich auf fundierter theoretischer und empirischer Basis für Praktiken der Filmrezeption und ‑aneignung interessieren.
Durch die bildungstheoretische Reflexion der Ergebnisse kann es zudem eine (medien‑)pädagogische Diskussion anregen.
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