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Kiew gehört mir!

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Vor einem Jahr ging die Beziehung mit dem Menschen, den ich liebe und den ich noch immer über alles liebe, in die Brüche. Das ganze letzte Jahr war ich nur damit beschäftigt gewesen, zu leiden und meinen Gesundheitszustand zu bedauern. Das war eine schleichende und langwierige Depression. Im Dezember jenes Jahres begriff ich, dass ich psychotherapeutische Hilfe brauche. Das hätte ich längst machen sollen, doch ich vermied sie unter allen Umständen, als wollte ich mich halb absichtlich selbst zugrunde richten. Meine Psychotherapeutin heißt Dina und ist ziemlich gut, doch mein Bemühen endete mit einem Fiasko. Aber einen nützlichen Rat von Dina beherzigte ich weiterhin jeden Tag. Sie riet mir nämlich, ein Tagebuch meiner Emotionen zu führen, dafür habe ich mir eine spezielle App aufs Handy geladen. So entstand auch die Idee eines Tagebuchs, als der Krieg begann und ich begriff, dass das mein Schutzmechanismus ist, mein Versuch, mir selbst nützlich zu sein. Am zweiten Tag des Kriegs begann ich, chaotisch alles aufzuzeichnen, was mir wichtig ist, meine Gedanken, meine Handlungen, ich begann die Welt um mich herum, wie ich sie sehe, aufzuschreiben, alle Veränderungen; das half mir, einen Weg zu finden, nicht völlig verrückt zu werden, mich zusammenzureißen und mich zu beruhigen. In einem Gespräch mit meiner Kollegin Birgit Lengers vom Berliner Deutschen Theater vor einigen Tagen erwähnte ich, dass das Tagebuchschreiben für mich ein Rettungsring sei. Birgit fragte mich, ob mein Tagebuch nicht auch für andere nützlich sein könnte. Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Doch ich verstand, dass mein Tagebuch vielleicht den Menschen an anderen Orten, dort, wo es keinen Krieg gibt, dort, wo man den Krieg längst vergessen hat, hilft, Menschen zu Gehör zu bringen, für die der Krieg von einem Moment auf den andern zur Realität geworden ist. Zu sehen, wie der Krieg die Menschen entblößt, ihnen gesellschaftliche Masken herunterreißt, die wir für gewöhnlich in unserem Alltag und ritualisierten Dasein tragen, das Beste nach außen kehrt, doch meist auch das Schlimmste. Ich erlaube mir in diesem Tagebuch maximale Subjektivität. Es sind mein Denken und Handeln, meine Urteile, sie müssen nicht unbedingt gerecht sein. Den einen mag das, was ich hier schreibe, verletzen, ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht in manchen Dingen nicht Recht habe, aber ich fühle mich so und will aufrichtig sein. Mein Tagebuch ist die Handlung eines Menschen, der nicht zur Maschinenpistole oder zum Molotowcocktail greifen kann, greifen will.
Title: Kiew gehört mir!
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Vor einem Jahr ging die Beziehung mit dem Menschen, den ich liebe und den ich noch immer über alles liebe, in die Brüche.
Das ganze letzte Jahr war ich nur damit beschäftigt gewesen, zu leiden und meinen Gesundheitszustand zu bedauern.
Das war eine schleichende und langwierige Depression.
Im Dezember jenes Jahres begriff ich, dass ich psychotherapeutische Hilfe brauche.
Das hätte ich längst machen sollen, doch ich vermied sie unter allen Umständen, als wollte ich mich halb absichtlich selbst zugrunde richten.
Meine Psychotherapeutin heißt Dina und ist ziemlich gut, doch mein Bemühen endete mit einem Fiasko.
Aber einen nützlichen Rat von Dina beherzigte ich weiterhin jeden Tag.
Sie riet mir nämlich, ein Tagebuch meiner Emotionen zu führen, dafür habe ich mir eine spezielle App aufs Handy geladen.
So entstand auch die Idee eines Tagebuchs, als der Krieg begann und ich begriff, dass das mein Schutzmechanismus ist, mein Versuch, mir selbst nützlich zu sein.
Am zweiten Tag des Kriegs begann ich, chaotisch alles aufzuzeichnen, was mir wichtig ist, meine Gedanken, meine Handlungen, ich begann die Welt um mich herum, wie ich sie sehe, aufzuschreiben, alle Veränderungen; das half mir, einen Weg zu finden, nicht völlig verrückt zu werden, mich zusammenzureißen und mich zu beruhigen.
In einem Gespräch mit meiner Kollegin Birgit Lengers vom Berliner Deutschen Theater vor einigen Tagen erwähnte ich, dass das Tagebuchschreiben für mich ein Rettungsring sei.
Birgit fragte mich, ob mein Tagebuch nicht auch für andere nützlich sein könnte.
Ich habe keine Antwort auf diese Frage.
Doch ich verstand, dass mein Tagebuch vielleicht den Menschen an anderen Orten, dort, wo es keinen Krieg gibt, dort, wo man den Krieg längst vergessen hat, hilft, Menschen zu Gehör zu bringen, für die der Krieg von einem Moment auf den andern zur Realität geworden ist.
Zu sehen, wie der Krieg die Menschen entblößt, ihnen gesellschaftliche Masken herunterreißt, die wir für gewöhnlich in unserem Alltag und ritualisierten Dasein tragen, das Beste nach außen kehrt, doch meist auch das Schlimmste.
Ich erlaube mir in diesem Tagebuch maximale Subjektivität.
Es sind mein Denken und Handeln, meine Urteile, sie müssen nicht unbedingt gerecht sein.
Den einen mag das, was ich hier schreibe, verletzen, ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht in manchen Dingen nicht Recht habe, aber ich fühle mich so und will aufrichtig sein.
Mein Tagebuch ist die Handlung eines Menschen, der nicht zur Maschinenpistole oder zum Molotowcocktail greifen kann, greifen will.

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